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Cordula Simon

© Lukas Dostal




Geb. 1986 in Graz. Studium der deutschen und russischen Philologie in Graz,
Auslandssemester in Odessa / Ukraine. Abschlussarbeit über Lou Andreas Salomés Russland: Die Erschaffung von Alterität in autobiografischen und literarischen Schriften. Seit 2011 lebt und schreibt Cordula Simon in Odessa. Auszeichungen: 2010: manuskripte – Literaturförderungspreis; 2011: Gustav-Regler-Förderpreis des Saarländischen Rundfunks; 2012: Startstipendium des BMUKK; 2012: Literaturförderungspreis der Stadt Graz.

Debütroman: Der potemkinsche Hund, 2012.

Gespenster

Die geschwollenen Ausbuchtungen ihrer Körper fügten sich im Nachtschatten über dem Blattwerk ineinander. Die Straßenlaterne vor dem Fenster warf bläuliches Licht und ihren eigenen Schatten durch das Wohnzimmerfenster. Festgekrallt war er, das konnte Georg sehen, festgekrallt, mit weit aufgerissenen gelben Augen, festgekrallt an den Beingelenken der Vorderbeine des Weibchens, ihre mattschwarzen Körper, samtene Wesen, übereinander. Die grellen roten Lippen als schrien sie, alle beide, doch sie blieben stumm. Das Weibchen lief ein paar Schritte weiter, drei Schritte, drei Schritte pro Bein, macht achtzehn Schritte, trotz des zusätzlichen Gewichtes, seines Gewichtes, das auf ihren Körper drückte. Wahrscheinlich, dachte Georg, wahrscheinlich klammert das Männchen nur, weil es im Schreckensreich an Weibchen mangelt, wie überall. Wie er sie abtastete, mit den Fühlern und freien Beinen, die sie nicht im Zangengriff hatten. Und er wusste, das die Möglichkeit bestünde, dass er sie nie mehr wieder losließe, sie ihn überallhin mittragen würde. Er näherte sein Gesicht dem Terrarium, hockte davor, damit das Glas ihre tatsächliche Größe nicht verzerrte, groß, wie zwei Hände. Nicht seine Hände, seine Hände waren größer, groß wie Jennys Hände. Schon wieder war er nachts aufgewacht, hatte das Bett zurückgelassen um die Tiere zu beobachten. Es war das erste Mal, dass sie sich einander angenähert hatten.

Als Georg Jenny zum ersten Mal geküsst hatte, seine Hände in ihre Jeans gedrängt, hatte sie gesagt, es sei keine Liebe, wie er behauptete, es sei nur Lust. Der letzte Satz eine Lüge. Er hatte nicht gedacht, dass die beiden Insekten zueinanderfinden würden, wozu auch, das Weibchen hätte auch die Parthogenese wählen können, jungfräulich bleiben, Maria hilf. Der verbreiterte Hinterleib des Weibchens, eine pulsierende Schwellung, gefüllt mit Eiern. Georg konnte den Legestachel nicht sehen, dass Männchen verdeckte die Sicht. Jennys Hintern ist im Vergleich längst nicht so breit, dachte er, fest, schmäler, gerader schlanker Körper, den sie schlank und gerade, wie geschlossen hielt, so, dass er nur morgens sehen konnte, wie gerötet die Innenseite ihrer Schenkel war. Wie bei dem Weibchen, die Vorderbeine innen rot.

Als Georg Jenny kennenlernte waren sie betrunken, sie waren betrunken als sie sich trafen, weil sie sich trafen. Wie sie sein Gesicht zwischen ihre Hände nahm, ihre insektengroßen Hände, ihre feingliedrigen Hände, nach dem Gesicht griff, danach langte, ihn auf die Stirn küsste, die Hände, mit den chitinenen Fingernägeln über seine Ohren gelegt, dass er von der Welt nichts hören konnte, als den Kuss auf die Stirn.

Das Weibchen drehten den Kopf, unter den starren Sklerotinplatten musste es mühsam sein, sie sah ihm ins Gesicht, nicht dem Männchen, sie sah Georg ins Gesicht, mit den großen gelben Augen, nachtleuchtenden Augen, richtete die Hörner auf ihrem Kopf gegen ihn, die splittrigen, wie eine Krone auf dem konischen Scheitel, eine Dornenkrone, eine Königin. Sie würde ihn nicht zum einem Gehörnten machen könnten, dachte er. Sie sind im Terrarium nur zu zweit, aber sie nähme vermutlich jeden dahergelaufenen. Kein Wunder, dass er sich so eifersüchtig an sie krallt. Die Hörner auf meinem Kopf sind anders, dachte Georg, als die Krone auf ihrem. Der nächste würde ihren Eikanal schon gesäubert haben, um seinen Samen, sich selbst darin zu versenken. In Jenny.

Jenny das Dornengespenst, Phasmatodea, Gespenstschrecken, wie ein Geist, blieb sie hier, ein übernächtiger übermächtiger. Als sie betrunken über die Straße gingen, hielt Georg sie an der Hand, führte sie. Und wenn sie alleine nach Hause ging, rief er sie an, jedesmal, denn um sie konnte er sich sorgen, ganz gleich, wo sein Kopf sich gerade befand. Er hob den Deckel des Terrariums an, das Weibchen lief, trug, sie beide wieder ein paar drahtige Schritte weiter, er strich mit dem Finger über ihre Krone, die Anspannung des Körpers, ein Stab, sie beide, zwei Stäbchen, so lang wie Jennys Hände übereinander. Ein Stab um zu penetrieren, Georg kratzte sich mit der zweiten Hand im Schritt, strich durch die Pyjamahose über sein Glied. Zog die Hand aus dem Terrarium zurück, setzte den Deckel mit dieser Hand wieder auf, die zweite verblieb in seinem Schritt, der Geruch nach Liguster, Forsythien und Flieder, wie die Zweite, Stäbe im Glas lagen blieb im Wohnzimmer zurück.

Aber Georg, Georg hatte sie gefunden, und er hatte sie vielleicht für sich erfunden, und er kratzte mit dem Fingernagel am Terrariumglas, fragte sich, ob er ein anderer geworden sei. Aber er konnte nichts finden, was Jennys Ab- oder Anwesenheit bei ihm bewirkt hatte. Ganz selten, wenn sie sagte, dass sie ein schlechter Mensch sei, küsste er Jenny, strich ihr die Haare aus dem Gesicht und seine Hände gruben ihren Körper regelrecht um, doch unverrichteter Dinge schliefen sie doch wieder in der alten Ruhe nebeneinander ein. Es war manchmal einfach nicht nötig zu vögeln. Das war es nie gewesen. - Jetzt wäre es nötig. Jetzt würde er seine Hände in den Fleisch ihres Rückens Krallen wollen, sich festzangen, schreckenhaft.

Die Fühler sind Antennen, so lange wie der Körper, die Beinchen knicken kräftig nach hinten, als könnte man sie ineinander schieben, wir Rohre, wie sie ihre Hinterleiber ineinanderschoben, wie widernatürlich auf zwei Beinen zu gehen, um dann nur glücklich werden zu können, wenn man beim Ficken endlich wieder auf allen Vieren ist. Wie zufrieden müsse man wohl sein, hätte man sechs Beine, mit denen man sich über-hintereinander entgegenwerfen könnte. Wieviel mehr Kraft läge im Coitus! Die gelb gegliederten Fühler, wie gelb-schwarzes Absperrband, nicht weiter, sagen sie, sie sagte, nicht weiter, als Georg ihr aus der Tür folgen wollte. Er hatte sich sicher gefühlt,die Hosen vor ihr hinunterzulassen, sein rotes Gleid, rot, wie die Phasmidenflügel, wie Phasmidenlippen vorzuzeigen, ein greller Saugnapf der derbe Zangen zeigte.

Eine Fehlhäutung musste es gewesen sein, anders konnte Georg sich Jennys verschwinden nicht erklären, die Haut war zu klein geworden, sie blieb hängen in den Zweigen, auf den Wohnzimmermöbeln, am Balkon und Jenny hatte sie nicht an sich genommen, nicht aufgefressen. Wie ein Gespenst, hing die Haut von der Decke, von der Lampe, wehte mit den Vorhängen aus dem Fenster. In ihrer Imaginalhäutung, sie hatte sich verändert, hatte sich herausgehäutet aus dieser Wohnung, aus diesem Bett, aus seinem Schlafzimmer, aus dem Pullover, der noch neben seinem Kopfkissen lag, die Luft war zu trocken. Aber Jenny war nicht steckengeblieben in der trockenen Luft, in der alten Haut, sie war nicht gestorben. Georg mühte sich aus seiner Hockposition, hielt die Hand noch immer an seinem Penis, dem Stab, ging im Dunklen ins Schlafzimmer, griff nach Jennys Pullover, rot und schwarz war er, griff nach ihrer Exuvie, die sie zurückgelassen hatte. Zog die Pyjamahose nach unten, rieb sich an dem synthetischen Material, sein Phasmida hatte es ihm zum Geschenk gelassen, Jenny, die Regenwaldnymphe. Er wickelte den Pullover um seinen Schaft, rieb und rieb, bis er fühlen konnte, wie der Samen sich im Pullover, der ihn nicht aufsaugte auf seiner Haut verteilte. Er löste Jennys Haut von seinem Genital, zog die Hose wieder hoch, warf den Pullover im Wohnzimmer auf die Couch, ging wieder vor den Gespenstschrecken in die Hocke, kniete sich vor das Insektenglas, die Unterleiber der Tiere bewegen sich langsam, ein Akt in Zeitlupe, er griff nach der Zigarettenpackung, die auf dem niedrigen Schränkchen auf dem sich das Terrarium befand lag, zündete eine Zigarette an, alle drei Zigarettenzüge zueinander und alle drei Zigarettenzüge streckten sie sich nur einen Millimeter vielleicht voneinander weg die gekrümmten Körper. Die Zigaretten, die Georg nun rauchte, waren Jennys präferierte Marke gewesen, er klammerte sich an Jennys Gewohnheit, ob seine Küsse nun anders schmecken würden? Das Armband mit den kleinen Kunsstoffheuhüpfern hatte von der Zeit einen grauen Schimmer erhalten, das war sogar im Licht der Straßenlaterne zu erkennen. Jenny hatte es ihm zum Geburtstag geschenkt, vor Monaten. Ich mag es ja, aber warum trage ich es immer noch? Fragte er sich laut. Es gibt Nacht, Dämmerung und Wohnzimmerlicht. Nichts davon ist ungefährlich, deswegen hatte er das Licht erst gar nicht eingeschaltet. Wenn er sie mit nach Hause nahm, das wusste er, wollte sie jemanden neben sich, der nicht wünschte, dass sie eine andere wäre, dann schauten sie betrunken Filme, während sie Chips in sich hineinstopften und er die Krümel grob von ihren Schenkeln fummelte, aus ihrem Schoß holte.

Vielleicht waren ihr einfach nur Flügel gewachsen, flugfähige. Sipyloidea – die Geflügelte. Der Rauch wurde vom Glas nach links und rechts, sowie zurück in sein Gesicht gelenkt. Nur kurze Flatterflüge, mehr wäre nicht möglich, für die beiden hinter Glas. Spott formte sich in ihm, über die winzigen roten Flügelchen, geädert, kleine welkende Blütenblätter, und die ebenso winzigen Deckflügel, schwarz mit einem weißen Netz, Gespinne, Dictyoptera, überzogen, wie die dunklen Adern unter Jennys weißen Lidern, wenn sie schlief: Ihr könnt nicht fliegen, ihr Schrecken, eure Flügel sind zu klein, oder eure dunklen Körper zu groß. Das Weibchen drehte, verzerrte ihre netzigen Deckflügel, das Männchen war im Weg.

In diesem Wohnzimmer haben sie spätnachts noch Musik im Internet gehört, gemeinsam in dieser Küche Palatschinken gemacht und weitergetrunken. Vodka und ekelhafte Orangenlimonade und Kette geraucht. Schliefen in dem breiten Bett, in dem er immer nur allein gelegen hatte, Rücken an Rücken, so war es weniger kalt und als sie aufwachten hatte sie Tee gekocht und ihm die Haare über der Badewanne gewaschen und sie saßen nebeneinander, schauten noch einen Film, träumten von New York und sie behauptete, sie würde sich etwas ausdenken, wie sie dorthin kämen, weil bei ihnen beiden das Geld niemals reichte. Manchmal ist es genug, dachte er, wenn sie ihre Hand auf meine Schulter legt, bevor jeder seiner Wege ging. Wäre sie nur ein Blatt im Wind, kein Phylliidae, die mit ihren Beinchen davonlaufen können, mit ihren abgefressenen, verdorrten Blatträndern.

Manchmal hatte er nicht gewusst, wenn sie von der Arbeit aus dem Supermarkt zurückkam und Blumen mitbrachte, in die weiße Plastikvase stellte und er fragte: Wozu? Wo er doch mit sterbenden Dingen nichts anzufangen wusste. Und sie antwortete: Weil sie billig waren. Manchmal legte sie die Blumen ins Terrarium, wo sie nicht alleine starben, zerfressen und zernagt am nächsten Morgen als Kadaver darauf warteten herausgenommen zu werden.

Das Männchen öffnete das Blutrote Maul, die Zunge und die Nebenzungen streckte es heraus, drei Zungen, Georg leckte sich über die Lippen. Und es nickte langsam mit dem Kopf, dass die Fühler, Geißeln auf das Weib einschlugen, schwankten, die Flagellomere sie immer wieder auf Kopf und Rücken traf. Schlag, schlag auf sie ein, geißle sie, Georg lachte. Die Spermatophore quoll wie eine weiße Perle von einem Körper in den anderen, Georg konnte sie sehen, als sich die Körper auseinander und wieder zueinander bewegten. Das Männchen hatte aufgehört zärtlich zu sein, grob und ungestüm prügelte es mit den Enden seiner kantigen Glieder auf sie darunter. Und Georg war zornig auf das Geziefer, zornig, und wieder hob er den Terrariumsdeckel, stieß das Weibchen mit dem Finger an, schnipste mit dem Finger gegen ihr Beinchen und sie schaukelten, wankten, die beiden Insekten, als wären sie Pflanzenteile im Wind. Diese Tarnung wird euch Schrecken nicht das Überleben sichern, den Schrecken des Überlebens.

Wenn ich es nicht darf, dürft ihr es auch nicht, mehret euch nicht, was fällt euch denn ein, es vor mir zu treiben, keine Scham, und ich sollte ein ganzes Terrarium eurer Brut behalten? Selbst seine schamlosen Eltern, die Sommers beleibt und schwitzend in farblich grau verwaschenen Unterhosen auf dem Balkon saßen schlossen die Tür hinter sich, wenn sie es treiben wollten, ja, die waren glücklich gewesen mit sich, den Hängebrüsten der Mutter und der behaarten Wampe des Vaters. Die zerfallenen unfesten amöboiden Tiere. Auf Georgs Nagelhäuten brannte es, ein Wehrsekret, Säure, er zog die Hand aus dem Terrarium, roch daran, der saure Geruch von Jennys Schoß klebte an den Nagelhäuten, die Tränen drängten vor in die Augen, brannten auf den Augäpfeln, wie das Sekret.

Eine unstillbare Wut war es, die Georg das Fenster öffnen ließ, hart wie das Sklerotin des Phasmidenkörpers nach dem er griff waren Jennys Worte gewesen, als sie ging. Nicht weiter, keinen Schritt weiter. Und sie hatte schon die Tür geschlossen, oh, ihr schrecklichen Tiere, grob zog er die Insekten auseinander, doch das Männchen wollte nicht loslassen, er trennte die Körper wie in einem Riss, warf das Weibchen aus dem Fenster, oder vielmehr, hatte vor es aus dem Fenster zu werfen, doch es flatterte so verzweifelt mit den Flügeln, so nutzlos es auch erschien, als hätt der Mensch noch ein paar Hände auf dem Rücken, mit dem er zu flattern, zu schlagen versuchte, doch die Richtung schien nicht Georgs Wurf vorzugeben, dass es gegen die nebenliegende Fensterscheibe klatschte, mit einem dumpf-schmatzenden Geräusch und sogleich auf das Fensterbrett hinabsank. Auch das Männchen rührte sich nicht mehr, sein Inneres quoll aus dem Körper, die Subgenitalplatte war aufgerissen. Es begann schon zu dämmern. Ohne das Fenster zu schließen wankte Georg zurück in das Schlafzimmer, gab der Schlafzimmertür einen vorsichtigen Stoß, dass sie ins Schloss glitt und kroch unter die Bettdecke. Sie war bereits ausgekühlt. Jenny war verschwunden.

© CODULA SIMON, 2012

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