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Christoph Theiler: REPLY. Installativer Kommentar zu Mozart.

Books on Demand, 2011.
144 Seiten; broschiert; Euro 19,90.
ISBN  978-3842376557.

Leseprobe

Das Projekt erregte im Mozart-Jahr 2006 viel Aufsehen: Briefe von Mozart, in denen er seinen Gönner, den Kaufmann Michael Puchberg, um finanzielle Unterstützung gebeten hatte, wurden im Originalwortlaut an verschiedene einflussreiche Institutionen und Unternehmen geschickt ­– mit nur minimalen Veränderungen: Die Geldbeträge wurden in Euro umgerechnet, die Orthografie und einzelne Ausdrücke an heutige Usancen angepasst, die Anrede „Liebster Bruder!“ oder „Liebste Schwester!“ auf den Empfänger oder die Empfängerin abgestimmt und als Unterzeichner firmierte nicht Wolfgang Amadé Mozart, sondern Christoph Theiler, seines Zeichens ebenfalls Komponist sowie Media Artist und gemeinsam mit der Regisseurin und Medienkünstlerin Renate Pittroff Betreiber der Galerie wechselstrom in der Wiener Grundsteingasse.
Gemeinsam initiierten sie auch das Projekt REPLY, in dem von März 2005 bis Jänner 2006 Mozarts Bittbriefe an insgesamt „270 Empfänger und Empfängerinnen aus Politik (Mitglieder der Österreichischen Bundesregierung), Wirtschaft (die 100 reichsten Deutschen und Österreicher) und Kultur (10 international tätige Manager und Künstler aus der Klassik-Branche)“ gesandt wurden. Das Projektergebnis, nämlich die hochinteressant ausgefallenen Antwortbriefe, wurde im Rahmen des Off-Festivals Höllenfahrt im Wiener Künstlerhaus, das sich kritisch mit dem Mozartjahr auseinandersetzte, als Installation mit szenischen Interventionen präsentiert und darüber hinaus noch an fünf Orten in Wien ausgestellt: Bei der masc foundation, im Museumsquartier, bei mel contemporary art, im Open Space und im Kaufhaus Osei in der Grundsteingasse (heute Dichterhof, benannt nach den 1938 enteigneten und vertriebenen Vorbesitzern), über dem zu jener Zeit schon die Abrissbirne schwebte und dessen Auslagen, Regale, Umkleidekabinen und Wühltische von KünstlerInnen bestückt und gestaltet wurden, um dadurch die Konsum-Vanitas eindrucksvoll vor Augen zu führen. Teile des Projekts waren auch das Konzert „trazoMiana“, uraufgeführt Anfang 2006 in Erlangen, und das Hörspiel „Reply Mozart“, das im Radio Berlin-Brandenburg Ende 2006 erstgesendet wurde.

Fünf Jahre später liegt die Dokumentation von REPLY in Buchform vor. Spannend, wie es manchem Roman nur zu wünschen wäre, ist es zu lesen, dieses „Räderwerk autopoetischer Textgenerierung“ (11). Eine Geschichte, wie sie sprichwörtlich nur das Leben schreiben kann, ergab dieser überaus kühne „subversive theatrale Prozess“ (ebd.) mit den Mozart-Briefen als originelle „Ausgangsfläche“ (ebd.). Von freundlich, aber bestimmt, bis brüsk und kurz angebunden fielen die Antwortschreiben aus, die öffentlichen Stellen verweisen meist auf andere Abteilungen und Formulare, die privaten halten sich hinter oft vorformulierten Absageschreiben bedeckt. In Summe fächern sich dadurch in aller Texthärte die schwierigen Produktionsbedingungen auf, mit denen sich sowohl die damalige als auch die gegenwärtige, nicht hagiografierte Kunst konfrontiert sieht, und unweigerlich stellt sich auch die Vorstellung von einem 200 Jahre später lebenden Wolfgang Mozart ein, der sich in einem Wust von Formularen verliert. Die epochenübergreifende Synopsis der Briefe erweist sich als höchst subversiv und aus den Tiefen der Groteske lacht nicht selten der Schalk der Skurrilität, der die Wirklichkeit so richtig sichtbar macht. Das Buch enthält auch zahlreiche Telefon- und Gesprächsprotokolle, u.a. mit einem Sicherheitsberater, einem Kriminalpolizeibeamten und einem Justiziar, die das Projekt, als es „gestanden“ wurde, durchaus positiv und anerkennend aufnahmen. Dass die Briefe historisch sind, erkannten von den Angeschriebenen nur zwei, tatsächlich auf dem Konto langten letztlich € 17,91 ein, als Jahreszahl gelesen das Todesjahr Mozarts.

REPLY – die beste Antwort auf die kulturindustriellen Hochglanz-Ansichtskarten der Ex-post-Ikonisierung.

Günter Vallaster
13. März 2012

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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