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© Lukas Dostal


Anna Weidenholzer, geb. 1984 in Linz, lebt in Wien als Autorin, Journalistin und Texterin. Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft. Debüt mit dem Erzählband „Der Platz des Hundes“ (Mitter, 2010), AutorInnenprämie 2010 des BMUKK.
http://annaweidenholzer.at/


Donnerstags

Wenn du gehst, werde ich gehen. Zuerst die eine Stufe hinauf, dann die zweite. Einhundertdreiundachtzig. Wenn du gehst, werden wir gehen, bis wir oben angelangt sind. Blau wird der Himmel sein, und die Blätter werden müde an den Bäumen hängen. Geh doch, wirst du sagen, geh doch einen Schritt weiter, nur einen kleinen, bleib nicht stehen.

Die Jubiläumswarte ist im Winter geschlossen. Winter ist, wenn die Jubiläumswarte geschlossen ist, sagt Hans, und Xaver sagt, ja. Hans und Xaver tragen Hut, wenn sie in den Wald aufbrechen, und wenn ein Wiener in den Wald aufbricht, ist Donnerstag, sagt Hans, und Xaver sagt, ja; Hans, das stimmt, das hast du richtig gesagt. An Donnerstagen warten Hans und Xaver bei der Schottenfeldgasse, dass die Straßenbahn kommt. Mein Kunde ist König, liest Hans dann auf dem Schild des Würstelstands gegenüber, er liest laut und langsam und schaut dabei nicht auf das Schild, sondern das Fenster darunter; dorthin, wo das Fenster offen steht und Friederike zu sehen ist, wo früher Milica König zu sehen war, was dem Schild eine andere Bedeutung gab, wie Hans versuchte, Friederike zu erklären, bis Friederike sagte: Hör auf damit. An Donnerstagen sitzen Hans und Xaver bei der Haltestelle und wenn Friederike herüber schaut, hebt Hans die Hand zum Gruß, immer die linke, niemals die rechte, sagt Hans zu Xaver, und Xaver sagt, ja; Recht hast du. An Donnerstagen steigen Hans und Xaver bei der Schottenfeldgasse in die Straßenbahn und sind dann bald heraußen aus der Stadt. Schau, sagt Hans, wenn er etwas sieht, auf dass es sich zu schauen lohnt. Schau, der Hund, der Baum, die Frau, der Mann. Von der Haltestelle zur Jubiläumswarte gehen Hans und Xaver schnell durch den Wald, an heißen Donnerstagen bleibt Hans stehen und bindet sich langsam die Schuhe. Xaver wartet einstweilen neben ihm, und ist ein Strauch in der Nähe, zupft er ihm ein Blatt ab, reißt es in Stücke. Bei der Waldschule Ottakring stoppen Hans und Xaver vor dem Fenster und unterhalten sich über die ausgestopften Tiere, die sie sehen. Hans ist das Reh, Xaver der Biber am liebsten. Schau, sagt Hans an manchen Donnerstagen, schau, die haben umgestellt. Wenn du sagst, geh doch, werde ich einen Schritt nach vorne machen, sodass ich beim Geländer anstehe. Wie gut Beton hält, wirst du sagen, einunddreißig Meter, einhundertdreiundachtzig Stufen, vierundfünfzig Jahre. Dann werden wir die Arme auf das Geländer legen. Schau, wirst du sagen, schau, ein Vogel, der Steffl, ein Baustellenkran.

Einhundertdreiundachtzig Stufen, zuerst geht Hans, dann Xaver. Wenn Xaver oben ankommt, ist Hans schon eine Runde auf der Aussichtsplattform gegangen. Das Fernrohr benutzen die Männer nicht, man soll nur sehen, was für die Augen bestimmt ist, sagt Hans und Xaver sagt, ja. Hans und Xaver legen ihre Arme auf das Geländer, sie schauen auf die Stadt hinab. An grauen Donnerstagen ist Wien ein Nebelfleck, dann blicken sie nur hinunter auf die Straße und warten, bis ein Auto vorüber fährt. Wo der hinfährt, an einem Donnerstagvormittag, sagt Hans dann und Xaver sagt, nach Hause. Dann schweigen die beiden wieder, bis Hans sagt: schau. Wenn der Wind weht, halten Hans und Xaver ihre Hüte fest, wenn es regnet, ziehen sie ihre Regenumhänge über, wenn die Sonne scheint, sagen sie: Es ist heiß. Fünfundzwanzig Minuten stehen Hans und Xaver auf der Aussichtsplattform, dann steigen sie hinunter, Stufen aus Beton, weiter durch den Wald, die Straße entlang zum Bus, mit dem sie fahren, bis sie in die Straßenbahn umsteigen. Wie immer, fragt Friederike, wenn Hans und Xaver beim Würstelstand ankommen, und Xaver sagt, ja. Hans erzählt und Xaver trinkt und Friederike schaut hinüber zu Otto, der an der rechten Seite des Würstelstands lehnt. Otto und sein Mischlingshund, der denselben Namen trägt wie er, Otto der Zweite, über den Friederike sagt: Schön ist etwas anderes, schön ist er nicht, worauf Otto einmal antwortet, aber er kennt die schönen Orte, und Friederike lacht und nichts mehr sagt, die Würste umdreht.

Wenn du gesagt hast: Schau, ein Vogel, der Steffl, ein Baustellenkran, wirst du sagen: Nimm die Kamera heraus, geh nach hinten, mach: ein Foto, den Steffl sieht man nicht jeden Tag. Friederike soll sehen, wie schön es hier ist. Friederike soll denken: schön ist er nicht, aber er kennt die schönen Orte, wirst du sagen und dich aufrichten, den Rücken zum Geländer hin.

Xaver trinkt und Hans erzählt und wenn Xaver ausgetrunken hat, verabschieden sich die Männer von Friederike, nicht von Otto. Hans und Xaver gehen gemeinsam bis zum Josef-Strauss-Park, wo die Tauben wohnen und Hans sich auf eine Parkbank setzt, den Kindern beim Spielen zusieht, nicht nur an Donnerstagen. Ist wieder eine Woche vergangen, sagt Hans, wenn er sich beim Parkeingang von Xaver verabschiedet, und Xaver sagt, ja, schon wieder. Die Kinder spielen nicht an Regentagen, aber Hans sitzt auch bei Regen eine Weile auf seiner Bank, der zweiten von links. Von dort hat er beide Spielplätze im Blick, auch die Wiese, auf der an Sonnentagen Pärchen liegen oder Kinder laufen, je nachdem, wer zuerst auf der Wiese war, würde Hans sagen, würde jemand neben ihm sitzen, und wäre es Friederike, die neben ihm säße, würde er seinen Arm um sie legen; dem Alter angemessen, würde er sagen, würden die Pärchen von der Wiese fragen, wieso. Und würden die Pärchen von der Wiese fragen, woher er seine Friederike habe, würde Hans sagen, aus dem Würstelstand, und Friederike würde lachen, würde sagen, mein Hans kennt die schönen Orte. Die Sonne würde scheinen, aber Friederike würde auch an Regentagen lachen, wenn Hans seinen Arm um sie legen und mit der Hand über ihre Schulter streichen würde.

Wenn du mit dem Rücken zum Geländer stehst, wirst du dich mit den Armen nach oben stemmen, so jung bist du doch nicht mehr, werde ich sagen, pass auf, und du wirst sagen, Xaver, für die Liebe müssen wir Opfer bringen. Vielleicht wirst du auch sagen, für die Liebe müssen wir etwas riskieren, ich weiß es nicht mehr. Blau wird der Himmel sein, und die Blätter werden müde an den Bäumen hängen. Du wirst deinen Körper nach oben stemmen, sodass du neben dem Steffl sitzt, du wirst dich nach oben stemmen; Winter ist, wenn die Jubiläumswarte geschlossen ist, einunddreißig Meter, einhundertdreiundachtzig Stufen, vierundfünfzig Jahre.

© ANNA WEIDENHOLZER, 2011

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