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© Lukas Dostal


Robert Prosser, geb. 1983 im Tiroler Alpmassiv. Studium der Komparatistik. Graffitivergangenheit, längere Aufenthalte in Asien und im Nahen Osten. Veröffentlichungen: „STROM. Ausufernde Prosa“ (Klever, 2009). „FEUERWERK“ (Klever, 2011).
www.robertprosser.at/


 

Zwischen Wölfen (Auszug samt Hintergründen)


Der Steinwurf zwischen Hund und Wolf: das bin ich
denkst du dir manchmal, wenn zwischen Blick und Zigarettenglut kaum ein Unterschied mehr besteht, so heftig ziehst du am Tabak, inhalierst, während du wartest, vor der Tür stehst und einen feuchten Zwischenraum des Waldes fixierst. (Bevor weiter eingetaucht wird ins herbeifabulierte Wahrheitsgespinst, zuerst: Dieser Text handelt von Dreck und Poesie. Von Tätowierungen und Ekstase, Schneeregen und Sinnlichkeit, Transsexualität und Anarchie, Tod, Affären und Felsen und Berührungen. Zu Beginn dieser wildwilligen Paarungen steht allerdings folgendes: Als im Sommer 2008 die russische Armee in Georgien einmarschierte, befand ich mich von Wien aus per Bus und Autostopp gerade auf dem Weg dorthin, einer widersinnigen Eingebung gehorchend, ohne Überlegung, dafür mit Konsequenz durchgezogen. Entgegen den damaligen Meldungen westlicher Medien entzündete sich an der kaukasischen Krisenstimmung zum Glück kein Krieg, weshalb ich, nach Überquerung der Grenze zwischen der Türkei und Georgien, eine Woche später am eigentlichen Ziel dieser Reise auftauchte: in Armenien. Dort erzählte mir ein aus Berlin stammender Student der Landschaftsarchitektur, der in jenem Sommer das Gebiet des südlichen Kaukasusgebirges für geplante Wanderwege und Schigebiete vermaß, dass im Zuge der Projektarbeiten in der als menschenleer geltenden Bergwildnis der Provinz Tavush, zwischen Wald und Bach unvermutet Hütten samt Schnapsbrennereien, Familien und Hunden entdeckt worden waren. Niemand, weder das Vermessungsteam, noch die Bezirksbürokratie, konnte sich erklären, woher diese Menschen kamen, die keine Ausweise oder andre Dokumente und somit auch keine greifbare Identität besaßen; erst im Nachhinein wurde aufgedeckt, dass es sich um Milizsoldaten handelte, die über 15 Jahre zuvor gegen Azerbaijan um Nagorno-Karabach gekämpft und sich nach den Kriegswirren in diesem Tal, weit von ihrer eigentlichen, nunmehr verminten Heimat entfernt, angesiedelt hatten. Dadurch verschwanden sie vom offiziellen Radar, scheinen aber jenen alten Männern zu ähneln, die ich während dieser und einer nachfolgenden Reise noch kennenlernte: Ehemalige Soldaten der Roten Armee, denen der Name des oftmals in Ostdeutschland gelegenen Kasernenortes als ausgebleichte, eigenhändig mit Kugelschreibern tätowierte Erinnerung am Oberarm prangt und die beginnend mit 1989 eine als Fedayeen bezeichnete Miliz formten, um für Karabachs Autonomie zu kämpfen. Jetzt bleiben ihnen verschwommene Namen, Narben nur notdürftig versorgter Kriegsverletzungen und amputierte Finger als letzter Rest von damals; sie arbeiten als Truckfahrer, Tagelöhner und blenden sich ineinander, überlagern sich in Schichten aufgeschnappter Schicksale, werden so zum Du, dem Hauptcharakter des Textes, der mir einmal während tagtäglicher Wodkabesäufnisse einreden wollte, es gäbe in der Gegend rund um Tavush Wölfe mit rotem Fell - aber das ist nur eine Legende von vielen.)

In den Handinnenseiten werden die Getöteten vermerkt, ein Strich für jeden Erschossenen und sich selbst die Erinnerung daran als Liste in die Haut geritzt; ein Blick in die geöffnete Handfläche genügt, um den Mann zu kennen, um genug über ihn zu wissen, wie es manchmal auch ausreicht, einem Kontrahenten gegenüber die Faust zu öffnen und ihm mit gespreizten Fingern die Ansammlung verbleichter Striche hinzuhalten, in den Farben eines Frühjahrshimmels als Zeichen dafür, dass die Toten an Orten liegen, über denen sich ein ähnlich blaues Vergessen spannt. Derart unscheinbar muss es sie geben, die Fährten, Geschichten und Stimmen, die im Regen sichtbar werden, der in die Augen tropft und du blinzelst, schaust, glaubst, dort dahinter etwas zu sehen, zugleich denkst du wie ein Vogel, der schnell ins Pfützenwasser taucht, sich federnbauschend wäscht und wieder hoch flattert in die Sicherheit von Zweig und Himmel; sieh in diesem Nebellicht: den Krieg, den Schnaps, es sind dies die Scharaden, die dich verführen an der Grenze des Denkbaren Kriegsmasken, Schnapsmasken zu sehen, weshalb du etwas zu trinken brauchst, willst du mit deinen Gedanken und Empfinden weiter denn bis zum Waldsaum kommen, willst du Sprengmeister sein und von Zerstörung singen, mehr Ausspruch haben als eure Trinkreden es vermuten lassen. Langst nach dem Geschmack von Erde, hast Halme zwischen Lippen und schnappst nach Wolken, willst am Gaumen ihr Destillat als Himmel splitternd stechende Farbe haben, also sauf das selbstgebrannt vergeistigte Wasser, denn etwas davon ist immer nötig, bestehst du auf einen Entschluss, der Richtung weist und sagt wohin. Bevor der erste Frost sich auf Tier, Holz und Mensch festsetzt, lösen manche Nächte aber ein Vibrieren aus, wie wenn innerhalb des Tales eine Lawine abgetreten aufhorchen, leicht schaudern lässt, ein fernes Grollen, Stürzen, nur süßer, angenehm vibrierend, sind diese Ströme in Nächten, die nichts von Verzweiflung wissen und von blassblauer Erinnerung, die nicht den Hunden gehören, sondern weich sind und langsam, während Butter in Pfannen zerfließt. Ruhe bedeuten diese köchelnden, knisternden Gerüche verrinnender Momente, und alles ist fremd: die Hände, die Münder, und alles ist Teil der versteckten Stellen und Lücken und Augen, da Zungen in Schnaps tauchen und mit neuen Worten, andrem Verlangen wieder hoch kommen, in diesen flüssigen, butterwarm zärtlichen Lawinennächten, an denen Finger sich allzu gerne verbrennen, die kurz nach dem Bachrauschen, weit vor der Sprache existieren, Berührung werden und später ein Schnippen an den Hals.

(Über dieses charakteristische Schnippen ließe sich eine ganz eigne Geschichte herandichten, die auf Recherchereisen durch ehemalige Republiken der UDSSR und auf der Bobachtung beruht, dass nach wie vor geläufige Zeichen und Zeugen der sowjetischen Vergangenheit unscheinbar, dennoch tiefgreifend den Zerfall überdauert haben. So kapierte ich nach der Ankunft in der Mongolei im August 2006 schnell, welchen gestischen Hinweis es bedarf, um darauf vorzubereiten, dass eine versammelte Runde mindestens eine Flasche Wodka leeren wird. Dieses zufällige Aufeinandertreffen sollte aus wenigstens zwei Personen bestehen (vorzugsweise Männern, da Frauen von der Belastung befreit sind, durchs Trinken entweder profiliert oder als ungeübt im Gustieren des Destillats entlarvt zu werden, wodurch der Smalltalk vulgo Saufakt für die zur Genüge geeichten Gastgeber zum abwechslungsreichen Gaudium ausarten kann) bzw. so vielen Beteiligten, wie in eine Jurte, einen Kleinbus oder ins Innere eines Baucontainers, der als Restaurant ausgebaut und mit hölzernem Mobiliar modifiziert wurde, passen, denn die Sowjets mögen die buddhistische Kultur zwar mit Mord und Feuer geschliffen und beinah gänzlich aus dem mongolischen Bewusstsein radiert haben, als zusätzliche perfide Raffinesse wurde wenigstens die kommunistische Variante des volksnahen Opiums eingeführt: Wodka. Und während die Erinnerung an buddhistische Traditionen nur langsam wiederkehrt (interessante Beobachtung, am Rand erwähnt: der Schamanismus erfreut sich nach wie vor lebendiger Ausübung, im Gegensatz zur andren Religion verfügte dieser nämlich über keinerlei Schriften, Schätze und Klöster, die der einmarschierende Machtapparat zerstören konnte, stattdessen genügte es, schweigsam zu sein und abzuwarten) ist der Suff ähnlich den veralteten Kleinbussen, die noch mit einer Eisenstange angekurbelt werden müssen, der mongolischen Steppe erhalten geblieben. Aber egal, ich schweife ab, wichtig ist, dass mir ähnliches zwei Jahre später wiederfuhr; kaum hatte ich die Grenze zwischen Rize in der Türkei und Batumi in Georgien überschritten und war im Kaukasus angekommen, befand ich mich in einer verwandten Situation – vom Buddhismus abgesehen endeten auch in Armenien die meisten Fahrten per Autostopp damit, dass sich der Lenker, als Namen und Zigaretten getauscht worden waren, an den Hals schnipste, anhielt und aus dem Beifahrerfach die Flasche holte. Nach unzähligen aufgeschnappten Ursprungslegenden war es ein tschechischer Bootsfahrer, der mir diesen Fingerweis einleuchtend und folgendermaßen erklärte: Es gab in der Roten Armee ein aus Sträflingen bestehendes Söldnerbataillon, denen man am Eingang zum Gulag alternativ das Militär angeboten und daraufhin eine Identifikationsnummer in den Hals tätowiert hatte. Als einzigen Vorteil, den die ausgewählt Gebrandmarkten in ihrem weiteren Leben abseits der Kanonenfutteraktionen genießen durften, wurde ihnen zugestanden, in jeder Kneipe, Bar oder Spelunke, in jedem Wirtshaus und Hinterhof, wo auch immer Brennofen oder Ausschank zu finden waren, den Wodka frei Haus zu bekommen. Betrat also einer der mit der Nummer verunzierten Soldaten eine Kaschemme, schnippte er sich an den Hals, um auf die Tätowierung aufmerksam zu machen, und ohne Widerrede oder Rechnung wurde ihm in einer Mischung aus Abscheu, Furcht und Mitleid sodann das Glas vorgesetzt. Vom Substitut der Söldner nun aber zu etwas gänzlich andrem, es erscheint: der heimliche Hauptdarsteller)

Einmal kommen die Tatzen noch auf und das hundsgroße Tier saust abfedernd heran, aus dem Maul dringt stinkender Atem, der Aas, warmes Blut und Winter in sich hat, und Schnee, der Verrat versteckt, könnte so riechen, wie er dir entgegen schlägt; Sturm bringt dieser Atem und Zähne, die du für Sekunden siehst, fordern deinen Hals, während du nach hinten fällst, vom Angriff, der unnachgiebig wie Schmelzwasser herandrängt, gradewegs wehrlos umgeworfen wirst. Es möchte deine Gurgel, will dir ans Fleisch, du versuchst, dich am Boden zur Seite zu rollen und irgendetwas vom Tier in die Finger zu kriegen, hast kurze, borstige Fellbüschel in der Hand, bekommst am Nacken ein paar davon zu fassen, aber weil es sich in deine Schulter verbeißt und schwer auf dir lastet, bleibt dir kaum eine Möglichkeit, dich zu wehren, spürst die Bisse gar nicht, wie du dich wälzt, keuchst, zumindest probierst, um Hilfe zu rufen. Die Stimme wird aber von einer plötzlichen Erkenntnis verworfen, denn wie dir der Wolf schnaufend, stinkend Gewalt antut, bist du stumm, erstaunt von dieser Kraft, die sich nicht abschütteln lässt, von deinen versuchten Schlägen vielmehr angespornt Nacht und Stille leugnet, es gibt nur mehr das Winden am Boden, vor der Hütte und ohne, dass du oder der Wolf es bemerken, klirrt es dort drinnen, hinter der Tür wird Glas zerschlagen und fluchend kommt Siran zu euch in die Dunkelheit. Mit der abgehauenen Schnapsflasche, die du am Tisch hast stehen lassen, sticht sie auf den Wolf ein, schlägt zu, erwischt deinen Arm, hört nicht auf, gegen das Winseln, Jaulen einzustechen, bis das Tier endlich von dir ablässt, verschreckt zurück in die schwarze Umarmung von Illusion und Mutmaßung läuft, die sich sofort hinter ihm schließt. Keuchend liegst du am Boden und betrachtest deine Wunden gar nicht, blickst aber hoch zu deiner Frau, wie sie neben dir steht, in der Hand noch die abgebrochene Flasche und als sie diese in die Fluchtrichtung des Wolfes geworfen hat, kniet sie sich neben dir hin und fragt: Welche Farbe hatte er?

© ROBERT PROSSER, 2011

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