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Manuela Kurt: Figuren.

Mit Fotografien von Michael Kurt.
Wien: edition ch, 2011.
47 Seiten; TB; Euro 10,-.
ISBN: 978-3-901015-48-9.

Link zur Leseprobe

Anonymität kennzeichnet bekanntlich das Leben in der Stadt. Kann man in diesem Zusammenhang Lebens-, Liebes- und Leidensgeschichten erzählen, ohne den Personen sogenannte Eckdaten wie Name, Alter oder spezielle Eigenschaften zu verleihen? Manuela Kurt experimentiert mit Sprache. Ihre Texte selbst sind die „Figuren“, so lautet auch der Titel des neuen Buches der in Wien studierenden Autorin. Es handelt sich dabei um eine Sammlung von Kurzprosatexten. Mit jedem Wort hat sich Manuela Kurt in die jeweiligen Personen und ihre aktuellen Lebensmomente hineinversetzt. Sie erzählt uns auf diese Weise unmittelbar von Erlebnissen und Gefühlen.

Manuela Kurt stellt in „Figuren“ weder Personen vor noch baut sie Figurenkonstellationen. Sie bietet uns ein „Ich“, „Du“, „Er“, „Sie“ und „Wir“ an: ganz unverbindlich und doch persönlich. Die Pronomen entsprechen der in der Stadt vorherrschenden Anonymität und dienen als Projektionsfläche. Es liegt an uns zu assoziieren, zu reflektieren, uns zu identifizieren - nicht mit einer Figur des Textes, sondern mit dem Text selbst.
Die 43 Kurzprosastücke kreisen um den städtischen Kosmos. „Der Stadtmensch“ steht im Fokus. Insbesondere geht es um den Stress und die Einsamkeit, und um die Suche nach einem Ausweg. Letzterer besteht entweder in der Flucht in ein rauschhaftes Vergnügen wie in „Casino“, oder gar in der Flucht aus der Stadt wie in „Der König“. Manuela Kurt schafft damit ein Vakuum, in dem sich der Stadtmensch anonym wiederfinden kann. Sie desillusioniert in einer vorgeblich „schönen Welt“, aber ohne zu mahnen oder Forderungen zu stellen.

Die Texte sind formal voneinander getrennt, bilden aber auf der symbolischen Ebene einen geschlossenen Kreis. Sprechende Nomen bilden meist die Titel, die erste Geschichte heißt etwa „Der Läufer“: Stillstand ist der Feind und das Leben auf der Überholspur die einzige Option.
Dieser Text ist das Gegenstück zum letzten mit dem Titel „Das Herz des Wanderers“. Der Wanderer symbolisiert das Credo „In der Ruhe liegt die Kraft“. Seelenruhig kann er die Stille und die Einsamkeit, die einen Stadtmenschen mehr als nervös machen, genießen.
So wirft Manuela Kurt indirekt die Frage auf, ob es nicht kontraproduktiv für unser Lebensglück ist, einen beständigen Kampf gegen die Zeit zu führen. Mit sich selber zufrieden und sich seiner Identität bewusst zu sein, dies sei erstrebenswert - so könnte die Quintessenz von „Figuren“ lauten.

Das Inhaltsverzeichnis präsentiert sich visuell als schwarz-weißes Schachbrettmuster, mit einem Titel pro Feld. Die „Figuren“ nehmen darauf ihre Position ein - entsprechend den Figuren eines Schachspiels.
Die Texte sind von 1 bis 43 nummeriert und werden von sieben Bildern des Fotografen Michael Kurt begleitet. Die Weltstadt Paris ist das Motiv, urbaner Raum äquivalent zu den Texten, Ende der 80er und 90er Jahre aufgenommen. Wir sehen in den Himmel ragende Gebäude, berühmte Plätze bzw. Sehenswürdigkeiten und Menschen, alles in Schwarzweiß bzw. in Graustufen.
Erzählzeit ist hauptsächlich das Präsens. Die Jahreszeiten haben symbolische Relevanz, aber es gibt keine genauen Zeit- oder Ortsangaben. Manuela Kurts Stil zeichnet sich durch kurze Sätze aus, die teilweise unvollständig sind. Sie experimentiert, jedoch ohne zu dekonstruieren. Der Sprachschatz ist durch Wiederholung geprägt: Das Wortfeld „Stadt“ wird zum Beispiel mit „U-Bahn“ oder „Gassen“ rekurriert, die Farbe Rot kehrt in ihren symbolischen Bedeutungen wieder. Auffallend ist auch das häufige Vorkommen von Zügen, so als wäre das Ganze eine Reise durch die Städte dieser Welt. Als rhetorische Figuren treten Anapher, Alliteration und Neologismus hervor.
Obschon die Stimmung oft ernst und schwerfällig ist, betreibt Manuela Kurt keine Schwarzmalerei. Poetischen Klang hat zum Beispiel der Text „Winter“, der einem Liebesgedicht gleichkommt.
Die Szenenhaftigkeit der Texte im Dialog mit den Fotografien zeigt eines sehr deutlich: Die Autorin schreibt nicht nur, sie gestaltet. Man darf also gespannt sein, wohin das nächste Werk führt.

Monika Maria Slunsky
7. September 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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