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Axel Karner: Chanson Grillée

Gedichte.
Klagenfurt/Celovec: Wieser, 2010.
Gebunden; EUR 18,80
ISBN 978-3-85129-900-7.

Mit Grille und Ameise, den Protagonisten einer uralten, immer wieder umgedichteten und umgedeuteten Fabel beginnt das neue Lyrik-Werk von Axel Karner. Die Grille gilt gleichsam als Motto, das dem schmalen Band aus lediglich achtundzwanzig kurzen Gedichten in sprachlich ironisierender Weise vorangestellt ist, die Ameise als Verkörperung des ersten Buchstabens. Das ist kein Zufall, spielt doch in diesem ursprünglich Aesop zugeschriebenen Tiergleichnis gerade das Ungleichgewicht zwischen scheinbar sorglosem Genuss und elementarer Überlebensarbeit und die sich daraus ergebende Option von Grausamkeit oder Güte, also nicht weniger als ein spezifisches Machtverhältnis zwischen Kunst und nackter Existenz eine entscheidende Rolle.

„grille // ein stück melone / meine liebste / am galgen // den magen heben // dann im morgenrot / singt die asche / chanson grillée“ (S.7)

„ameise // dort / um die ecke / wo die tyrannen / übergehen // in nackte ameisen // tarnt / mittendurch / ein riss // gepanzert / geflügelt / von einem ohr / zum anderen“ (S.9)

Mit diesen beiden Texten wird das ambivalente Verhältnis schon umrissen, um sich in den folgenden, jeweils am Alphabet orientierten Versen immer wieder neu zu positionieren: am Beispiel der Böcke, des Chamäleons, des Dromedars, des Elefanten und so fort. Doch ganz wie in der Fabel, so geht es natürlich auch in Karners Gedichten nur vordergründig um Tiere. Durch die Texte geistert immer wieder ein lyrisches Ich, das sowohl wahrnehmend von aussen wie auch als Sprecher in der jeweiligen Kreatur aufgefasst werden kann. Karner deckt mit seinen Versen die ganze Bandbreite der menschlichen Tragödie ab, die ihm stets im Augenblick des Gequältwerdens, des Peinlichen, des Grotesken und des tödlich Lächerlichen am deutlichsten hervorzutreten scheint.

„kröten // stand ich auf / mit halb geöffneten Augen // kröten geküsst // hampelmann / unter dem apfelbaum / fehlte / das halbe gesicht“ (S.29)

All das gipfelt letztlich im Tod, der hier nicht als erlösendes Moment eintritt, sondern als unausweichlicher Blick hinter die Maske des Kreatürlichen und auf die jammervolle Nichtigkeit der Daseins.

„ich aber / aufleuchtender furz / trage zum sterben / die bunten / vögel“
(aus: „quetzal“, S. 41).

Auch die lyrische Existenz ist aus diesem Reigen der Vernichtung nicht ausgenommen, wie das Gedicht „jaguar“ (S.27) selbstironisch feststellt: „mag / der kleine wortspieler / wüten // enthauptet / die katze / mit kurzem zischen / diesen gerissenen / bastard“. Und dass es Karner offensichtlich eben auch um das groteske Verhältnis von Kunst und Tod, Macht und Verblendung geht, zeigt sich einmal mehr in seinem Text „ubu roi“ (S.51), der sich auf das gleichnamige absurde Theaterstück des französischen Autors Alfred Jarry (1863 -1907) aus dem Jahre 1896 bezieht.

Neben der äußersten textlichen Verdichtung Karners, die Raum für mannigfaltige Assoziationen lässt, die erschreckt, erbost und an manchen Stellen auch hilfloses Gelächter provozieren mag, ist noch Platz für ein weiteres Kunstmittel: die Illustration. Leider ist der Name der Schöpferin dieser von großartiger, unmittelbarer Einfachheit geprägten Bilder nur verschämt im Kleingedruckten aufgeführt: Anne Seifert, die so viel zur ästhetischen Gesamtwirkung des Buches beiträgt, hätte unbedingt gleichberechtigt mit auf den Titel gehört. Beinahe fragt man sich, ob in jedem Falle zuerst der Text dagewesen sein mag oder ob sich Axel Karner nicht sogar im ein oder anderen Fall von einer Bildvorlage Seiferts hat inspirieren lassen. Den ursprünglichen Impuls zu „Chanson Grillée“ gab jedenfalls dem eigenen Bekunden des Lyrikers nach eine Lithographie des mexikanischen Malers Francisco Toledo. Durch Anne Seiferts einfühlsame Interpretationen der leidenden Kreatur wird jedenfalls wieder einmal exemplarisch vorgeführt, wie fruchtbar eine solche interdisziplinäre Zusammenarbeit verlaufen kann. Die edle und schlichte Aufmachung des kleinen Buches mit festem Einband, liebevoll gestaltetem Umschlag und Lesebändchen entspricht dem auf angemessene Weise.

Karner hat mit „Chanson Grillée“ ein Alphabet des Grauens, der Verzweiflung über das Leid aufgerufen, das dazu angetan ist, zunächst zu befremden, dann vielleicht sogar zu verärgern, das den Leser jedoch schließlich beklommen und nachdenklich zurücklässt.

Marcus Neuert
Juli 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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