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Marie Luise Caputo-Mayr

Aus vielen Städten. Virtuelle und andere Reisen.
Gedichte.
Vorwort von Marianne Gruber,
Nachwort von Donald G. Daviau.
Fidibus. Zeitschrift für Literatur und Literaturwissenschaft;
Klagenfurt 2007; Nr. 2-3; 35. Jahrgang;
126 Seiten; broschiert; Euro 7,-.

Link zur Leseprobe

Maria Luise Caputo-Mayr ist als Kafkologin weitgehend bekannt und beachtet, als Lyrikerin aber eher und noch immer ein Geheimtipp, obwohl ihre Sprache ausgearbeitet ist und die Themenwahl alles andere als fad.
Interessant ist auch die vielsprachige Autorin selbst. Geboren wurde sie als Tochter österreichischer Eltern in Triest, sie besuchte die Schulen in Villach, studierte in Wien und war später lange Zeit Professorin an der Temple University in Philadelphia. In den USA hat sie im Jahr 1975 die Kafka Society of America (www.kafkasocietyofamerica.org) gegründet und viele Beiträge über österreichische Autorinnen und Autoren veröffentlicht. Maria Luise Caputo-Mayr war neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit immer als Lyrikerin und Prosaistin tätig.
Die Germanistin kann auf zahlreiche Fachpublikationen verweisen, die gegenständliche Lyrikveröffentlichung verdankt sie aber der ermunternden Betreuung und liebenswürdigen Hartnäckigkeit der FIDIBUS-Herausgeber Günter und Annemarie Kanzian.

Der Band "Aus vielen Städten. Virtuelle und andere Reisen" stellt sozusagen "Sprachübungen im elektronischen Zeitalter" in einem haptischen Medium vor – unter dem von der Autorin vorangestellten Motto:
"Ich: WWW.aus vielen Städten/ Der Computer antwortet: Unable to open!/ Ich: Then don't!".

Und dennoch leuchten in den "Städten" Buchstaben, Wörter und Bruchstücke, Puzzleteile sowie Leuchtreklammen und Yellow Cabs auf. Es schreien aus den Seiten Zeitungsschlagzeilen, trotzdem sind die Gedichte über Wien, Rom, Palermo, London oder Philadelphia eines bestimmt nicht, Reiseführer oder Reisebüroangebote. Sie klingen vielleicht an manchen Stellen so, weil bei Caputo-Mayr alles zum lyrischen Material wird: jedes Fragment, jedes Bild, jedes Wort aus unserem Alltag. Alles Geschaute wird zum Gedicht.

Die Lyrikerin, die sich wissenschaftlich mit Poesie beschäftigt, ist an großen Vorbildern geschult, findet aber in jeder Hinsicht ihre eigene Sprache. Sie behauptet sogar, "die lange, wundervolle, schwere Tradition" abgeschüttelt zu haben.
Sympathisch ist, dass Maria Luise Caputo-Mayr auf jede große Geste verzichtet. "Viele Bilder", konstatiert die Schriftstellerin Marianne Gruber im Vorwort, "entspringen der Gleichzeitigkeit verschiedener Wahrnehmung. Räumliche wie zeitliche Entfernungen schmelzen, Nahes und Fernes, Vergangenes und Gegenwärtiges treten ironisierend nebeneinander auf." (S.9.) Genauer könnte man den lyrischen Vorgang Caputo-Mayrs nicht definieren.
Doch nicht alles wird ironisiert. Ihren beiden Heimaten begegnet sie mit Ernst und Hinneigung, das heißt, Kärnten, aus dem sie stammt, und Manhattan, das sie aufgenommen hat. In so manchem Gedicht findet sich beredt ihr Ur- und ihr Aufenthaltsort. Ihr Welt-Erleben wird nachvollziehbar. Sind früher Blätter gefallen, natürlich bei Rilke, so fallen heute Türme, nämlich am 11. September...
Überhaupt sind Opfer und Schuld, wie bei Franz Kafka, ihrem Literaturheiligen, permanente Hintergrundthemen. Und noch eine Parallelität ist festzustellen: Caputo-Mayr kennt keine Farben und kaum Natur. Beide, die Wissenschaftlerin und ihr Forschungsgegstand, vermischen unentwegt, Ort und Zeit sowie ein Ereignis mit dem anderen. Die eine in der Poesie, der andere in seiner weltliteraturverändernden Prosa.

Maria Luise Caputo-Mayrs multiple Weltsicht, die "vielen Städte", sind mit der Tradition ihrer Familie und ihrer umfassenden Bildung erklärbar. Das Talent zur Lyrik ist Teil ihres Wesens. Fast könnte man sagen, sie hat ihre Welt oder vielmehr ihre Welten auf das Papier geholt, wo ihr reicher Kultur- und Gefühlshinter- oder -untergrund lesbar und damit nachvollziehbar wird. Und vor allem muss man eines konstatieren: Alle Elemente und Gefühle, die Maria Luise Caputo-Mayr als Wissenschaftlerin mehr oder weniger unterdrücken muss, dürfen hier, in ihren Gedichten, zu Wort kommen – und mit ihren Worten zu einer eindringlichen Sprache werden.

Janko Ferk
30. April 2010


Originalbeitrag


Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

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