logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   

Mai
Mo Di Mi Do Fr Sa So
18 29 30 01 02 03 04 05
19 06 07 08 09 10 11 12
20 13 14 15 16 17 18 19
21 20 21 22 23 24 25 26
22 27 28 29 30 31 01 02

FÖRDERGEBER

  BMUKK

  Wien Kultur

JAHRESSPONSOR

  paperblanks
kopfgrafik mitte

Jürgen Thomas Ernst: Anima

Roman.
Wien: Braumüller Literaturverlag, 2010.
252 S.; geb.; Euro 21,90.
ISBN: 978-3-99200-015-9.

Link zur Leseprobe

Jürgen-Thomas Ernsts Roman "Anima" ist eine zeitlose Parabel, die archaisch geglaubte Verhaltensmuster und das Grausame, Dunkle in und zwischen den Menschen beschreibt. Die Macht des Äußer(lich)en und die normierende Kraft der Gruppe bestimmen den Text, alles nicht dem allgegenwärtigen Durchschnitt Entsprechende wird mit kollektiven Angstphantasien aufgeladen, wird ausgestoßen, sanktioniert und schließlich getötet. Mit seiner Hauptfigur Anselm Eder, den schon die Hebamme für "eine Ausgeburt des Leibhaftigen" (23) hält, bezieht "Anima" jene Position in einem seit Jahrhunderten geführten Diskurs zur Ästhetik des Hässlichen, die für einen Blick auf die Seele (lat. Anima) und die Wahrnehmung des Schönen im vermeintlich Abstoßenden eintritt.

Um die ethisch-moralische Botschaft des Romans transportieren zu können, konzipiert Ernst seine Hauptfigur als dichotomisches Wesen mit entstelltem Äußeren und strahlendem Inneren. Denn der von allen, auch und besonders vom eigenen Vater verabscheute Anselm ist ein nach moralischen Prinzipien handelndes Wesen, auch wenn seine Wertvorstellungen nicht mit einer herkömmlichen christlichen Moral korrelieren. Aber Anselm Eder ist auch in seinem physischen Inneren, in seinen Innereien sozusagen, besonders: Er hat Anima, hat die Seele und den Atem des geborenen Läufers, ist ein "evolutionäres Experiment" (164), bestimmt vom "Pulsschlag der Natur" (61), ein verkanntes "Genie", mit dem "vegetativen Zwang, laufen zu müssen." (71)

Über den zentralen Topos der übermenschlichen Fähigkeiten – die unendliche Ausdauer beim Laufen – in einem nahezu unmenschlich wirkenden Wesen kreiert Ernst in seinem historischen, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im vorarlbergischen Hohenems spielenden Roman eine übersinnliche Ebene. Die Menschen haben Recht und Unrecht, wenn sie meinen: "[D]ie Zeit der Hexen und leibhaftigen Teufel konnte angesichts dieser Ausgeburt unmöglich vorüber sein." (42) Und Anselm bewirkt etwas in jenen, die mit ihm in Berührung kommen, alle, die ihm Schlechtes wollen und tun, sind letztendlich dem Untergang geweiht. Es scheint, als ob durch die mythische, fast messianische Züge tragende Figur des Anselm Eder die unsichtbare Hand einer schwer fasslichen und fassbaren Natur-Gottheit wirken würde.

Jürgen-Thomas Ernst hat mit Anselm Eder eine äußerst spannende und lange im Gedächtnis bleibende Figur erschaffen. Auch die Einbettung dieser Figur in historische, religiöse und anthropologische Kontexte sowie die Darstellung von Exklusionsstrategien, die vom kollektiven Imaginären – als Unbewusstes und Begehren – gelenkt werden, sind Ernst recht gut gelungen. Subtil allerdings ist Ernsts Roman nicht. Die Über- und Zuspitzungen von Verhaltensweisen sind einseitig, der Text nutzt hier nicht die Möglichkeiten der Romanform aus, ein vielschichtiges und ausdifferenziertes Gesellschafts- und Menschenbild zu zeichnen. Plakativität, der Einsatz von Effekten und die moralisierende Binarität rücken "Anima" in die Nähe von gut gemachten Hollywood-Filmen. Vielleicht ist Anselm Eder also ein Vorarlberger Forrest Gump des 19. Jahrhunderts, der nach einfachen Grundsätzen handelt, nicht übermäßig intelligent, aber schlau ist, und sich immer irgendwie auf eine ganz merkwürdige Weise aus der Gefahrenzone zu begeben vermag.

Ein literarisches Meisterwerk ist "Anima" nicht, dafür sind manche Handlungselemente zu naiv, dafür ist auch das Ende der Legende von Anselm Eder – wenn auch erzähltechnisch gut gemacht – zu platt und klischeehaft. Auch gibt es stilistische Fehlgriffe und nicht jeder der zahlreichen Einfälle des Autors geht auf. Aber Ernst vermag mit seinem Roman positive wie negative Emotionen und starke, lange nachwirkende Bilder zu evozieren. Die außergewöhnliche Figur des Anselm Eder wirft Fragen auf, die nicht vorschnell beantwortet werden sollten. Jürgen-Thomas Ernst ist ein ideenreicher, phantasiebegabter Autor, der mit "Anima" zwar keinen makellosen Roman, aber doch eine außergewöhnliche Geschichte vorgelegt hat.

Gerald Lind
19. Oktober 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Suche in den Webseiten  
Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
Huellkurven – Audiopoetische Räume

Fr, 24.05.2013, 19.00 Uhr Soundpoetry | Anthologie- & Projektpräsentation Mit Thomas Havlik,...


Ausstellung
Hanno Millesi Neo-Geo

04.04.2013–27.06.2013 Bildnerische Arbeiten gehören seit Beginn seiner künstlerischen Tätigkeit...


Tipps
flugschrift

flugschrift Nr.4 - gestaltet von der Autorin und Fotografin Petra Coronato - ist ab sofort im...


BÜCHERFLOHMARKT

Noch bis 29. Mai 2013 findet im Foyer des Literaturhauses, Seidengasse 13, 1070 Wien,  ein...