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Geschichte der Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur

Der Anfang war „klassisch“: Wie bei so vielen Vereinen begann die Arbeit vor der offiziellen „Formalisierung“ der Institution.
In Zusammenarbeit mit dem „Institut für Österreichkunde“ am Josefsplatz setzte Viktor Suchy im Frühjahr 1965 die ersten Schritte zur Gründung der Dokumentationsstelle - vorerst nur dank dem Wohlwollen des zuständigen Ministers, das dieser in einem Brief am 12. Juni 1965 aussprach.
Verglichen mit dem Konzept des Germanisten Robert Mühlher aus Graz, das dem Minister vorlag und das die Erforschung der österreichischen Geistesgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts ähnlich dem Literaturarchiv in Marbach/Neckar vorsah, verlief der Anfang bescheiden. Immerhin konnte man bald auf über tausend Dokumente und ein weites Netz an Kontaktpersonen und verwandten Institutionen verweisen.
Rasch hatten sich die Ziele der Institution herauskristallisiert: nämlich die breitangelegte Wissensvermittlung zur österreichischen Literatur von 1890 bis zur Gegenwart. Der Sinn einer eigenen Einrichtung dazu, die bewusst außerhalb der Universitäten angesiedelt war, lag in der Modernität, der Gegenwartsbezogenheit des Inhalts und in den modernen Vermittlungsformen. Das entspricht genau der Informationsdrehscheibe von heute.
Am 9. August 1967 wurde der Verein „Forschungs- und Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur“ gegründet, womit die organisatorische Eigenständigkeit erreicht war. Ein Jahr später bezog man Räume in der Gumpendorfer Straße 15 im 6. Wiener Gemeindebezirk, welche bis 1991 der Hauptsitz des Vereins blieben. Mit Rudolf Henz als Präsident und Viktor Suchy als Generalsekretär und einem Kuratorium von Universitätsprofessoren und Beamten war ein Rahmen von Autorität gegeben, den das Institut mit Recherche und serviceorientierten Wirkungsstrategien füllte.

Mit wenig Personal und Platz nahm man sich folgende Aufgabenbereiche vor:

  • Bibliothek der Primär- und Sekundärliteratur inklusive Hochschulschriften

  • Literaturarchiv: Bibliografien, Dokumente

  • Wirkungsgeschichte: Zeitungsausschnittsammlung

  • Interviews mit AutorInnen, auf Tonband festgehalten

  • Auslandskontakte

  • Kooperationen mit verwandten Institutionen

  • Kundendienst

Von Beginn an wurden die literaturgeschichtlichen Bereiche „Jung Wien“, „Expressionismus“, Zwischenkriegszeit, Exilliteratur, Gegenwartsliteratur als gleich wichtig nebeneinander betreut; am meisten zu leisten war in den beiden jüngsten Abschnitten der Literaturentwicklung, wo zur Zeit der Gründung nicht nur Ignoranz und Vorurteile dem Modernen gegenüber bestanden, sondern auch die Schicksale der von den Nationalsozialisten vertriebenen oder ermordeten Autorinnen und Autoren mit der nötigen Aufmerksamkeit bedacht werden sollten.
Der Aktionsradius war stets von der Finanzierung eingegrenzt. Trotzdem gab es schon in den 1980er Jahren nicht mehr genug Platz für die Bibliothek; selten benützte Werke mussten auswärts deponiert werden. Ab 1982 wurde daher nach einem neuen Standort gesucht; es dauerte sieben Jahre und brauchte zähe Verhandlungen mit potenziellen Kooperationspartnern, bis sich die Möglichkeit eröffnete, ein eigenes Haus zu errichten und neue Räume darin zu beziehen.
Mit dem Literaturhaus in der Seidengasse 13 in Wien 7 gewann die Dokumentationsstelle nicht nur mehr Platz für ihre Sammlungen und Besucher; ihr bundesweiter Status als Informationszentrum für die gesamte österreichische Literatur der Gegenwart und des 20. Jahrhunderts wurde damit auch bekräftigt. Eine eigene Veranstaltungsschiene mit Schwerpunkt österreichische Literatur begann noch 1991, der groß angelegte Webauftritt im Jahr 1997.
Neue Synergien erbrachte die Zusammenarbeit unter einem Dach mit den beiden Berufsverbänden „Interessengemeinschaft österreichischer Autorinnen Autoren“ sowie „Interessengemeinschaft von Übersetzerinnen und Übersetzern literarischer und wissenschaftlicher Werke“ (Übersetzergemeinschaft).

Sammeln - Aktuelles Wissen

In den ersten Jahren wurde mit Karteien und Fragebögen gearbeitet, um sichere Werkverzeichnisse und andere Informationen zu gewinnen. Man bat die AutorInnen selbst um Auskunft; man hielt in Interviews mit AutorInnen und Verlegern Stimmporträts wie Inhalte fest; man bibliografierte.
Heute verfügt die Dokumentationsstelle über maßgeschneiderte Datenbanken zu ihren Sammlungen und über eine eigene umfassende Homepage, über die mittlerweile ein großer Teil der Informationsflüsse und der Werbung für Gegenwartsliteratur läuft.

Die Zeitungsartikel galt es zu sammeln, die in vielen Fällen die einzige oder die hauptsächliche, jedenfalls eine unverzichtbare Informationsquelle zu Werk, AutorIn, Rezeption und literarischem Umfeld ausmachen. Zuerst verließ man sich auf einen Ausschnittdienst; ab Ende der 1970er Jahre abonnierten wir die wichtigen Zeitungen und werteten sie selbst aus - mit dem Blick auf das Wesentliche, Inhaltsreiche und das Neue.
Bis 1996 wuchs das Archiv auf etwa 750.000 aufgeklebte Original- oder kopierte Artikel aus zumeist deutschsprachigen Medien. Sie sind in Hängemappen abgelegt und nach Inhalten strukturiert archiviert. Seit 1997 werden die Artikel gescannt und genau beschlagwortet. Das spart Platz und hilft bei der Recherche der Benützer.
Seit Mitte der 1970er Jahre wurde die Bibliothek systematisch aufgebaut. Waren zuerst Bücher und Zeitschriften nur durch Geschenk und Zufall hereingekommen, stand nun das Ziel vor Augen, die Primärliteratur möglichst komplett, und, wo vorhanden, auch in ihren verschiedenen Ausgaben und Übersetzungen zu erhalten und die wissenschaftliche Literatur in einer möglichst guten Auswahl zu beziehen. Dem Plan stand ein sehr geringes Ankaufsbudget gegenüber, doch wurde mit der Hilfe von Verlegern und von Spenden aus verschiedenster Richtung, in seltenen Fällen auch durch Ankauf von Nachlässen, das Ziel weitgehend erreicht. Überhaupt haben hier Rezensionsexemplare bis heute sehr viel bewirkt.
In einer eigenen Abteilung, der Österreichischen Exilbibliothek, konnten ab 1992 die Aktivitäten zur Exilliteratur gebündelt und stark erweitert werden. Sie leistet wesentlich mehr, als der Name sagt; nicht nur sind hier die frühen Werke verfolgter und exilierter AutorInnen, sowie anderer Kulturschaffenden in sonst unerreichter Zahl zusammengetragen - die Exilbibliothek besitzt 6.500 Originalausgaben und Übersetzungen, ferner Fotografien, Dokumente und Nachlässe -, es werden auch die Kontakte zu Personen der ersten, zweiten und oft dritten Generation von Exilierten gepflegt, Veranstaltungen und Ausstellungen organisiert.

Erinnern und das Wissen um die Geschehnisse der Shoah bewusst zu halten gehört auch zu den Aufgaben der Internationalen Erich Fried Gesellschaft für Literatur und Sprache, deren Agenden von der Dokumentationsstelle betreut werden; sie vergibt jährlich den renommierten Erich Fried Preis und veranstaltet alle zwei Jahre ein großes Symposium zu Themen, die Fried bewegt haben.

Andere Sammlungen, wie die Handschriftensammlung, das Ton- und Videoarchiv, mussten nach Budgeteinbußen seit dem Jahr 2000 auf reinen Benutzerbetrieb umgestellt werden. Neue Erwerbungen und tiefere Erschließung sind zur Zeit nicht möglich. In geringem Ausmaß wachsen derzeit die Plakatsammlung und das Bildarchiv. Es ist bedauerlich, dass diesen Sammlungen nicht die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet werden kann; immerhin sind in früheren Jahren wertvolle Dokumente zusammengekommen - durch gezielten Ankauf aus besonderen Mitteln, als Geschenke, mit Glück und allerhand Zufall: zum Beispiel die Sammlung Hunger (eine große Zahl von Tageszeitungen aus den Jahren 1945 bis 1965) oder, über zahlreiche Jahre hinweg und aus verschiedensten Quellen gespeist, die größte Sammlung zu Joseph Roth in unserem Land.

Sammeln geschieht, um Kunstwerke und Wissen zu bewahren; das Wissen leicht zugänglich zu machen und zu verbreiten ist aber ebenso wichtig.

Die erste Form, regelmäßig aus der Dokumentationsstelle zu informieren, geschah mit der gedruckten Zeitschrift „Zirkular“, die in vierzig Heften von 1979 bis 2000 erschien. Zusätzlich brachten wir in diesem Zeitraum 63 Sondernummern heraus: Ausstellungskataloge, Tagungsbände, Bibliografien und den jährlichen Pressespiegel, die einzige Publikation, die heute noch als Papierversion erscheint. Das „Zirkular“ war die auflagenstärkste Fachzeitschrift zum Thema; wegen Finanzierungsproblemen wurde sie in Druckform eingestellt und in die Website der Dokumentationsstelle integriert.

Die 1997 errichtete Website der Dokumentationsstelle und der beiden anderen im Literaturhaus beheimateten Institutionen, www.literaturhaus.at, hat sich rasch als die am intensivsten genutzte Informationsschiene profiliert. In den Online-Datenbanken sind unsere Bibliotheksbestände genau erschlossen; die Rubrik Buchmagazin umfasst mittlerweile ca. 2.000 von der Dokumentationsstelle in Auftrag gegebene Buch-, Sachbuch- und Hörbuch-Rezensionen; unser aktuelles Veranstaltungsangebot ist ebenso abrufbar wie das der wichtigsten Literaturveranstalter des Landes;  weiters werden auf der Website „Brancheninformationen“ gesammelt: Hinweise auf Tagungen, Ausstellungen, Literaturreisen, Museen, verwandte Institutionen und Forschungsprojekte; zudem bietet die Website einschlägige Link-Listen, wie ein Verzeichnis der Homepages von AutorInnen und vieles mehr.

Die Veranstaltungen im Literaturhaus sind die andere, seit 1991 intensiv genützte Vermittlungsschiene von der Literatur zum Publikum: Schwerpunkt des Programms ist die österreichische Gegenwartsliteratur, bekannte wie junge AutorInnen, Projekte, Verlage, Lese- und Diskussionsgruppen finden hier ihr Forum. Laufend werden Ausstellungen gezeigt - bildende Kunst zu Schrift und Literatur, bildende Kunst von AutorInnen sowie wissenschaftlich anspruchsvolle biografische Ausstellungen. Das Literaturhaus hat sich als einer der wichtigsten Veranstalter Wiens etabliert.

Heinz Lunzer
Geschäftsführer der Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur
von 1979 bis 2008


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