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El Awadalla: wienerinnen

wienerinnen.
geschichten von guten und bösen frauen.
Sisyphus, 2006.
110 S.; brosch.; Euro 14,-.
ISBN 3-901960-35-X.

Link zur Leseprobe

Sie sind gutmütig oder boshaft, "spinnert" oder bodenständig, doppelzüngig oder ehrlich, alt oder jung, dick oder dünn, erfolgreich oder gescheitert, naiv oder schlau, arm oder reich, sympathisch oder unsympathisch, rücksichtsvoll oder egoistisch - und sie alle haben etwas gemeinsam: sie wohnen in Wien.
23 Frauen aus 23 Wiener Bezirken hat El Awadalla in ihrer Erzählsammlung "wienerinnen" einfühlsam porträtiert. Sie erzählt uns kleine oder größere Begebenheiten aus ihrem Dasein, die pars pro toto für ein ganzes Leben stehen: ein Kaleidoskop der (weiblichen) Gesellschaft.

El Awadalla erzählt uns kritische Geschichten "von guten und bösen Frauen", sie erzählt von den Besonderheiten des Wertesystems, das aus zwei Klassen besteht: einem selbst besteht und den anderen. Sie erzählt vom erfolglosen Kampf gegen eine Sekte und von einer ungewöhnlichen Übersiedlung in eine verlassene Fabrik.

Sie erzählt lustige Geschichten vom Taubenfüttern im Park oder einer rüstigen Greisin im Kampf gegen Makler und Miethaie, von zwei Schülerinnen, die ihr Taschengeld mit einem Banküberfall aufbessern wollen und von einer sehr weltlichen StudentInnen-WG, in der Esoterik-Seminare aufgezogen werden, die die Gemeinschaftskasse füllen sollen.

Und sie erzählt traurige Geschichten wie jene von einer alten Freundschaft, die an Egoismus und Alkoholismus zerbricht, oder jene von einer greisen Terroristin, die nicht einmal dann beachtet wird, wenn sie mit Handgranaten um sich wirft.
Situationskomik und Verzweiflung liegen oft sehr nahe beieinander, so manche Pointe ist ein bisschen tragikomisch und nicht selten trügt der äußere Schein.

El Awadalla erzählt von starken und von schwachen Frauen, von Situationen, denen sie gewachsen sind und solchen, die sie überfordern, von Gegenwart und von Erinnerung. Eine besonders berührende Geschichte ist jene, in der sich eine ergraute Städterin ihrer One-Day-Stand-Jugendliebe auf dem Land entsinnt, dem Maurerlehrling, der es geschafft hat, das Gerede der Leute zum Verstummen zu bringen, wenigstens für eine Weile.

Alle diese 23 Frauen in ihren 23 Geschichten und ihren 23 Bezirken Wiens haben "ihr Binkerl zu tragen". Und tragen es manchmal von einer Erzählung in die andere. Mal wird eine Story später von einer anderen Seite betrachtet, mal erfahren wir dort oder da noch ein Detail am Rande. Die Frauen und ihre Geschichten sind verwoben, wie die Bewohnerinnen einer Großstadt es eben sind. Nicht alle kennen einander, aber die Welt ist ein Nest.

El Awadallas Kurztexte sind konsequent in Kleinschreibung gehalten, manchmal wird in inneren Monologen erzählt, aber meistens leiht sich die Erzählerin die Stimme ihrer Figuren aus, übernimmt ihre Diktion. So entsteht auch ohne inneren Monolog der Eindruck, die Protagonistinnen erzählten selbst einen Schwank aus ihrem Leben. Die Sprache passt sich ans Milieu an und ist Ausdrucksmittel der guten und der bösen Frauen, nicht nur über sie wird berichtet, sondern auch durch sie und von ihnen selbst.
Und diese Sprache ist wie die Geschichten, ja wie die "wienerinnen", von denen die Rede ist. Manchmal fröhlich, manchmal traurig, manchmal frech und manchmal bescheiden. Manchmal auch vorbohrt und manchmal berührend.

 

Sabine Dengscherz
18. Juli 2007

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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