Cornelia Travnicek heißt die österreichische Preisträgerin der Tage der deutschsprachigen Literatur 2012 in Klagenfurt. Die 25jährige Niederösterreicherin, zuletzt erfolgreich mit ihrem Roman Chucks (DVA 2012), genoss sichtlich das Wohlwollen der Bachmann-Preis-Jury, letztendlich war es aber ihre Fangemeinde, die ihr in der Online-Abstimmung am letzten Wettbewerbstag den mit 7.000 Euro dotierten BKS-Bank Publikumspreis verlieh. Gleichzeitig wurde die Autorin zur neuen Klagenfurter Stadtschreiberin ernannt.
Der Romanauszug Junge Hunde, wie fast alle Texte des diesjährigen Lesewettbewerbs eine Geschichte über Kindheit und Jugend bzw. den Abschied davon, kommt vordergründig als leichte Sommererzählung daher, ist jedoch eine konsequent gebaute Assoziationskette von Erinnerungen, die in einer gar nicht idyllischen Gegenwart verankert sind: Der verstorbene Hund Baghira wird begraben, der Vater ins Altersheim gebracht, das Elternhaus geräumt und verkauft, der Kindheits- und Jugendfreund Ernst, ein Adoptivkind, ist längst nach China zurückgekehrt, auf der Suche nach seinen Wurzeln.
Juror Hubert Winkels, der Cornelia Travnicek für den Bewerb vorgeschlagen hatte, sah den Text als gut konstruierte "Kontrafaktur des Dschungelbuchs", Meike Feßmann gefiel der "warme Pragmatismus" der Geschichte, Daniela Strigl bekundete insgesamt große Sympathie für die Erzählung und den eingeschobenen Märchenmodus, eine Versuchsanordnung, die Corinna Caduff gar an die kursiv gesetzten Einschübe in Ingeborg Bachmanns Roman "Malina" erinnerte. Anonsten war die Schweizer Jurorin wenig zufrieden mit der Sprache der Autorin, vieles gehöre noch überarbeitet und bearbeitet - eine Meinung, der sich in schärferen Worten auch Paul Jandl anschloss. Den im gesamten Wettbewerb immer wiederkehrenden Vorwurf der Harmlosigkeit musste sich auch Cornelia Travnicek mit "Junge Hunde" gefallen lassen, nicht zuletzt wohl deshalb, weil ihr zuvor erschienener Punk-Roman "Chucks" so ganz anderes erwarten ließ.
Als arriviertester österreichischer Kandidat nahm der in Japan lebende Autor, Essayist und Übersetzer Leopold Federmair am Klagenfurter Wettlesen teil, er war kurz zuvor mit dem österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzung Translatio ausgezeichnet worden. Federmair übersetzt Literatur aus dem Französischen, Spanischen und Italienischen, u. a. Bücher von Michel Houellebecq, François Emmanuel, Ricardo Piglia, Leonardo Sciascia, Francis Ponge, Michel Deguy und Ignazio Buttita.
Weitere heimische Teilnehmer waren Hugo Ramnek aus Klagenfurt, der als Autor, Pädagoge und Schauspieler in Zürich lebt und dessen erster Roman Der Badegast 2010 im Klagenfurter Wieser Verlag erschienen ist, und die Wiener Theaterwissenschafterin und Regisseurin Isabella Feimer, ein ganz neuer Name in der literarischen Szene.
Der 36. Ingeborg-Bachmann-Preis der Landeshauptstadt Klagenfurt (25.000 Euro) ging an die deutsch-russische Autorin Olga Martynova für ihren humoristischen Text "Ich werde sagen: Hi!" - ein Erfolg auch für den Grazer Literaturverlag Droschl, der Martynovas Bücher publiziert.
Matthias Nawrat erhielt den Kelag-Preis der Kärntner Elektrizitäts-AG (10.000 Euro), Lisa Kränzler den 3sat-Preis (7.500 Euro) und Inger Maria Mahlke den Ernst-Willner-Preis der Verlage (5.000 Euro).
Portraits aller 14 TeilnehmerInnen, ihre Texte zum Nachlesen und Aufzeichnungen der Jurydiskussionen finden sich auf der Webseite bachmannpreis.eu/de/autoren.
Beitrag vom: 9. Juli 2012