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Anatol Knotek: Das Buch mit den Seiten.

Ulm: Topalian & Milani, 2018.
82 Seiten; farbiger Vor- und Nachsatz;
Halbleinenbindung; geprägter Umschlag.
Gedruckt auf Munken Lynx.
Geliefert in einer handvernähten Textilhülle.
Limitierte Auflage: 500 Stück.
28 € (D), 28,80 € (A), 34 CHF
ISBN: 978-3-946423-10-2.

Anatol Knotek

Leseprobe

Der Konzeptkünstler Heinz Gappmayr erzählte gerne die Anekdote, dass die Österreichische Nationalbibliothek einmal eines seiner Bücher nicht in ihren Bestand aufnehmen wollte: "Da steht ja nix drin." "Das muss ein Fehler sein." Das Buch bestand aus leeren Seiten. In dieser Lesegewohnheiten radikal und ironisch hinterfragenden und Sprach- und Buchkonventionen aufbrechenden Richtung ist auch Anatol Knoteks "Buch mit den Seiten" anzusiedeln, das im engagierten Ulmer Verlag Topalian & Milani als bibliophil und individuell gestalteter Prachtband vorliegt. Mit einer enormen Bandbreite an Ausdrucksformen und einer hohen Produktivität, die mit viel Witz und Einfallsreichtum Arbeiten am laufenden Band zutage bringen lässt, hat sich der Wiener Anatol Knotek im Laufe der Jahre als fixe Größe der weltweiten visuellen und konzeptuellen Poesie etabliert, u.a. mit vielen tausend Followern und Abonnenten auf Twitter und Instagram, was nicht so einfach ist, wird doch die visuelle Poesie in der öffentlichen Wahrnehmung oft zwischen die Stühle Literatur und bildende Kunst gesetzt: Für die Literaturwelt zu bildnerisch, für die bildende Kunst zu literarisch. Die transmediale Brückenfunktion wird nicht immer gesehen und gewürdigt. Visuelle und konzeptuelle Poesie kann aber sowohl in Galerien ausgestellt als auch performativ vorgetragen werden.

Umso erfreulicher ist es, wenn sich ein Verlag mit viel Freude an der Gestaltung und Sinn für Layout und Typografie eines visuell-bzw. konzeptuell-poetischen Projektes annimmt und dabei auch im Sinne der Ästhetik über die Schatten der Buchindustrie springt: Topalian & Milani, 2015 von Rasmus Schöll und Florian L. Arnold in Ulm gegründet, präsentiert sich von Beginn an als eine erste Adresse für höchst anspruchsvoll gestaltete Bände, die dem programmatischen Namenszusatz "Verlag für schöne Bücher" alle Ehre machen. Im Programm hat sich auch eine sehr schöne Österreich-Schiene ergeben, der neben Anatol Knotek bislang Anna Kim, Arno Tauriinen und Stefan Zweig angehören. Topalian & Milani lassen das literarische Wort und das künstlerische Bild als Buchkunst an die Öffentlichkeit treten. In welchem Impressum ist schon der Vermerk " ...und wurde von den Verlegern von Hand veredelt" zu lesen? Bei Anatol Knoteks Buch bedeutet dies "farbiger Vor- und Nachsatz, Halbleinenbindung, geprägter Umschlag, von Hand individualisiert und geliefert in einer handvernähten Papierhülle".

Damit ist "Das Buch mit den Seiten" Buch, Buchkunst und Buchobjekt zugleich, was auch sehr Anatol Knotekts konzeptuellem Ansatz entgegenkommt, geht es darin doch um die Seite als solche, die poetisch ausgelotet wird und gleichsam als Protagonist auftritt. Dabei präsentiert sich Anatol Knotek bewährt vielschichtig und viel-seitig und es ist ein großes Lese- und Betrachtungsvergnügen, sich Seite um Seite zu den Sonnen- und Schattenseiten, den A- und B-Seiten, den Schokoladen- und Kehrseiten der Seiten geleiten zu lassen. Mit der Thematisierung des konkret Vorhandenen, des Materials Sprache bzw. des Trägermaterials Seite, des Hier-und-jetzt-auf-der-Seite-Seins und sonst nirgends ist ein Anker zur konkreten Poesie gegeben, der auf sehr originelle Weise aufgegriffen und gelichtet wird. In einigen Passagen zeigt sich auch eine Handlung inklusive Konfliktsituation wie in einem Roman, wenn es etwa auf einer Seite heißt: "Diese Seite klammert gerne" und dann auf der nächsten: "Diese Seite macht bald Schluss", zusammengehalten von einer als Readymade ins Buch eingefügten Heftklammer. Ein Roman, der minutenschnell gelesen werden kann, sich aber nachhaltig in den Kopf einschreibt und das "Buch mit den Seiten" immer wieder gerne zur Hand nehmen lässt, um zu entdecken, welche weiteren Seiten in den Seiten stecken.

Zumal auf keiner Seite mehr als ein Satz steht und jeder Satz mit "Diese Seite" eingeleitet wird, entsteht auch der Eindruck einer Ephemerität, einer Poésie spatiale im Sinne von Pierre und Ilse Garnier, die die Sprache hinter den Raum, in diesem Fall den Weißraum des Papiers zurücktreten lässt, wodurch sich Denkräume eröffnen, die von kurzen poetischen Andeutungen inspiriert werden. Zugleich werden aber auch die Mittel der Schrift und Typografie spannungsvoll als Stilmittel eingesetzt, von der Handschrift bis zur Druckversalie, dabei Spuren folgend, die etwa Gerhard Jaschke und Werner Herbst in ihrer visuellen Poesie aus der Handpresse legten. Auch die poetischen Fäden von Dada und Zaoum werden damit kreativ weitergesponnen.

"Das Buch mit den Seiten" von Anatol Knotek ist eine überaus witzig zu lesende poetische Betrachtung der Seite als solcher in einem wunderschön gestalteten Band, der mit Spannung die weiteren Bände der Knotek-Edition des Verlags Topalian & Milani erwarten lässt.

Günter Vallaster
03. Mai 2018

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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