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Lukas Meschik: Über Wasser.

Roman.
Innsbruck: Limbus Verlag, 2017.
280 Seiten; geb.; Euro 22.- (A).
ISBN 978-3-99039-097-9.

Autor

Leseprobe

"Wie schwer es doch jedem fallen musste, er selbst zu sein, (...), und wie leicht man es sich machte, immer ein anderer sein zu wollen", denkt sich Noah, Einzelkind und Protagonist des Romans "Über Wasser", der sich mit diversen Gelegenheitsjobs wie Blutspenden und bezahlten Diskussionsrunden über Wasser hält und sich sichtlich nicht so richtig wohl in seiner Haut fühlt. Lukas Meschiks viertes schriftstellerisches Werk zeigt den Sänger und Texter der Band Filou als Sprachliebhaber, der gerne mit Komposita spielt und diese liebevoll seinem Romanhelden Noah in den Mund legt, um die Liebesgeschichte mit seiner Angebeteten Gudrun wieder in die Gänge zu kriegen. Denn Gudrun kehrt nach ihrem Auslandsaufenthalt in Tokyo wieder nach Wien zu Noah zurück und die beiden wollen ein neues Leben in einer gemeinsamen Wohnung beginnen. "Endlich!" möchte man hinzufügen, denn die Fernbeziehung hat durchaus ihre Tiefen. Über und unter Wasser.

Distant Lover Device (DLD)

Zu seinem Geburtstag erhält Noah ein Paket aus Japan und Gudrun und er packen es gemeinsam aus: sie am Bildschirm in Tokyo, er zuhause in Wien. Natürlich ist der Cybersex zwischen den beiden mittels DLD kein Ersatz für echten Sex und so machen wohl beide nebenher noch so ihre zusätzlichen Erfahrungen. Ist es vielleicht das, was Fernbeziehungen so attraktiv macht? Noahs Leben besteht abgesehen von seinen diversen Nebenjobs hauptsächlich aus Nachdenken. Minutiös wird sein Alltag beschrieben und seine Sicht der Welt nachvollziehbar gemacht. Bald wird auch ihm selbst seine Wohnung zu einem zu "handlungsarmen Schauplatz" und er trifft sich mit seinem Freund Ernesto oder hat Lust auf Kaffee, "der so stark war, dass man ihn kauen muss". Auch seine sprachlichen Bilder sind abenteuerlich und Meschik verwendet sehr gerne Akkusativobjektkonstruktionen ohne Präpositionen: Noah denkt nicht an, sondern denkt Gudrun, er weiß nicht von Frauen, sondern "wusste zwei Frauen". Pferde tragen Scheuklappen und "wussten deswegen nur nach vorne", Hauptsätze folgen auf Hauptsätze und wenn es einen Nebensatz gibt, zeigt der Strichpunkt an, dass er doch wieder nur einen anderen Hauptsatz von dem ersten Hauptsatz abgrenzt. Der Stil Meschiks wird damit zu einem guten Transportmittel von Noahs Grundstimmung: er will sich die Welt und die Liebe vom Hals halten und träumt an einer Stelle sogar von einem "Wienkrieg", der alles auslöschte.

Liebe über der Grenze

Auch sein bester Freund Ernesto hat eine Fernbeziehung, aber sie lebt nur "über der Grenze", also im benachbarten Ausland und nicht über dem großen Wasser wie Noahs Gudrun. Gemeinsam gehen sie zum Trabrennen in die Wiener Krieau und lernen dort Frauen kennen, aber Noah ist nicht so einer. Es geht ihm nicht um das eine, was alle Männer immer wollen. Er ist mehr der Künstler, der durch seine "Schweiger"-Videos im Internet reüssiert, obwohl er zuerst eigentlich Fotos seines Essens nach dem Essen auf sozialen Medien posten wollte, Piero Manzoni lässt grüßen. Nachdem er seine Schweige-Videos, die ihn bei nichts anderem als beim Schweigen zeigen, postet, bekommt auch er eine Resonanz von der Welt. Endlich kann er sich leiden und die Kommentare seiner Internet-Gemeinde auf sein Schweigen sind auch wirklich witzig zu lesen. Sein Schweigen ist aber nicht jedesmal dasselbe Schweigen, denn die "Gezeiten seines Atmens", wie Meschik es poetisch ausdrückt, sind immer anders. Dann endlich tritt Noah aus seinem "Hintergrundleben" hervor, hört auf eine "wandelnde Kulisse für Szenen zu sein, in denen andere die Hauptrollen spielten", er ist nicht länger "Tapetenwesen, Wandmensch" oder sogar "Paravent", sondern kauft sich aus dem Sparbuch seiner Eltern ein Ticket nach Tokyo, ohne es Gudrun vorher zu sagen. Endlich kann auch er ein anderer sein.

Ein klassischer Adoleszenz- und coming-of-age-Roman des Sprachspielers und -liebhabers Lukas Meschik, von dem man sicherlich noch viel hören bzw. lesen wird.

Jürgen Weber
14. März 2017

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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