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Marie Luise Lehner: Fliegenpilze aus Kork.

Roman.
Wien: Kremayr & Scheriau 2017.

Hardcover mit Schutzumschlag.
192 Seiten, Euro 19,90.
ISBN: 978-3-218-01067-2.

Autorin

Leseprobe

Das Romandebüt der bislang für ihre Erzählungen mit dem Kolik-Preis sowie beim Jugendliteraturwettbewerb "Sprichcode" ausgezeichneten Autorin Marie Luise Lehner changiert zwischen weiblichem Bildungsroman und Vaterporträt. In 21 Abschnitten, die bis auf einen, der vom Sterben der Großmutter berichtet, den Lebensjahren der Ich-Erzählerin entsprechen, beschreibt Lehner wunderbar klar und reduziert in vielen kleinen Episoden das Leben an der Seite eines so liebenswerten wie fordernden Lebenskünstlers.
Als die Ich-Erzählerin ein Jahr ist, trennen sich ihre Eltern, abwechselnd lebt sie – auch mit längeren Unterbrechungen – von nun an bei ihrem Vater oder der Mutter. Dass ihr Vater
, der wie alle anderen Romanfiguren (außer einigen Politikern aus der jüngeren österreichischen Vergangenheit, auf deren Wahlparties man die Buffets plündert oder gegen die man demonstriert) namenlos bleibt, nicht den gängigen Rollenbildern und Erwartungshaltungen entspricht, bemerkt die Protagonistin schon im Alter von fünf Jahren: "Wir sind anders als die anderen Menschen auf der Straße. Ich weiß nicht genau, woran man das festmachen kann. Wir sind irgendwie bunter und lustiger, denke ich." (15) Der wenig linear verlaufende Lebensweg und das unkonventionelle Gebaren des Vaters resultieren aus einer Kindheit voller äußerer Restriktionen und innerer Zwänge, zur psychisch labilen Mutter hat er eine enge Bindung, mit dem vermeintlich stärkeren Bruder, der einem traditionellen Lebensentwurf mit Heirat, Reihenhaus und Brotberuf folgt, liegt er in lebenslangem Streit: "Mein Vater glaubt, sein Bruder findet schlecht, was er macht. Ich glaube, mein Vater findet schlecht, was sein Bruder macht." (104)
Handwerklich geschickt verdingt er sich mit diversen Tätigkeiten im künstlerischen und sozialen Bereich (er ist als Kunstlehrer in einer Waldorfschule tätig, dann als Altenpfleger und Behindertenbetreuer, zeitweise arbeitet er als Lichttechniker beim Theater und oftmals, schwarz, auf der Baustelle) und kann sich zumeist an der Grenze zum Existenzminimum finanziell über Wasser halten. Seine eigenen Bedürfnisse hat er auf das Notwendigste reduziert (Kaffee und Zigaretten statt Nahrungsaufnahme, Essen bei Freunden auf Vorrat, Kleidung findet er auf der Straße), seine Luxusvorstellungen wie ein eigenes Auto oder Theater- und Opernbesuche leistet er sich mithilfe zahlreicher Tricks, die oft die Grenzen der Legalität überschreiten und vom Schummeln bei der Altersangabe im Schwimmbad über Schwarzfahren und "Wiederverwenden" von Parkscheinen bis zum Plündern fremder Pausenbrötchen in der Staatsoper oder von wertvollem Elektroschrott auf dem Müllplatz reichen: "Der Müllplatz ist ein Ort, an dem man viele praktische Dinge finden kann. Damit man hineinfahren darf, muss man etwas im Kofferraum haben, das man wegwerfen möchte. Als Alibi haben wir einige Holzlatten im Kofferraum." (39) Praktischerweise findet man dort auch einmal ein Handy, das dem Vater eigentlich suspekt ist, sich bald aber als willkommenes Kommunikationsmedium erweist, auch wenn der Sinn seiner SMS-Nachrichten der Tochter oftmals verborgen bleibt: "no kunst. schon jetzt fahr ich nichmals arbeiten." (170) oder "wir greifen stein ab kalenbergerdorf. gehen auf berg und fahren weiter wir dann." (188)
Wie man mit Geld umgeht und ein geregeltes, finanziell abgesichertes Leben führt, lernt die Tochter nicht von ihm. Die prinzipielle Offenheit und Bereitschaft des Vaters, sich dauernd und immer wieder auf Neues einzulassen, empfindet sie oftmals als verunsichernd, das vorübergehende Zusammenleben mit einer Fernsehgewohnheiten und Computerzeiten reglementierenden Stiefmutter gibt ihr im Alter von zwölf Jahren einen bisher nicht gekannten Halt: "Ich fühle mich sicher, seit sie mit uns zusammenwohnt." (81) Dementsprechend bewundert sie auch die zehn Jahre jüngere Halbschwester, die stark und selbstbewusst ihre Meinung vertritt und in der Lage ist, sich unliebsamen Aktivitäten mit dem Vater (wie dem Besuch der Christengemeinschaft oder der Mitarbeit auf der Baustelle) zu entziehen. Doch als sie Jahre später Liebeskummer hat, ruft sie ihn an: "Er weiß, wie man miteinander umgehen muss, wenn es jemandem nicht gut geht. Ich rufe ihn an und wir kochen gemeinsam oder sehen uns einen Film an." (171)

Es ist faszinierend und sehr berührend, mit welcher sprachlichen Leichtigkeit es Lehner gelingt, die Aufs und Abs dieser Tochter-Vater-Beziehung darzustellen, die nicht nur von Bewunderung, Faszination und Liebe für einen einfühlsamen Menschen bestimmt ist, sondern auch von Unverständnis, Wut und Scham über außergewöhnliche Lebens- und Verhaltensweisen, die die eigenen Grenzen immer wieder aufs Neue herausfordern. Als LeserIn ist man gebannt von dieser so glaubwürdigen Stimme, die die differenzierte Sichtweise einer heranwachsenden Frau auf sich selbst und ihren Vater über die Jahre hinweg gleichermaßen eindringlich wie kunstfertig verhandelt.

Veronika Hofeneder
23. Februar 2017

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.




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