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Bettina Gärtner

© Lukas Dostal




Geb. 1962 in Frankfurt am Main, lebt seit 1969 in Wien. Machte sich im Bereich Grafik und Medienherstellung selbstständig und arbeitet heute an der Planung und Umsetzung von Kommunikationsprojekten mit. Ihrem Romandebüt „Unter Schafen“ (Müry Salzmann, 2015) wurde die AutorInnenprämie des Bundes für besonders gelungene Debüts zuerkannt.
www.bettinagärtner.at

Die Schwester

(Romanauszug)

Wenigstens ein Jahr ohne Wurf
, in den Augen des Ortes bestand darin das Glück im Unglück, seit dem er den Zwinger seines Vaters nebenher weiterführte.
Notgedrungen und fürs Erste, was er aber nie laut sagen würde, schon gar nicht vor seiner Mutter. Da so gut wie alle von seiner Schwester eingefädelten Frauenbekanntschaften bei Zwinger an Käfig dachten, das Wort aber auch für Zuchtbetrieb stand, hatte er zumindest anfangs immer genug Gesprächsstoff, vor allem, weil die Frauen den Zwingernamen dann immer wahnsinnig poetisch fanden, vom Weinberg.
Es war an der Zeit für eine neue Partnerin, im Stillen gab er seiner Schwester ja Recht. Er hätte bloß gern das Kennenlernen übersprungen und alles, was danach von ihm erwartet wurde. Er wurde müde, wenn er nur daran dachte, hätte sich am liebsten hingelegt, gleich hier, zwischen den Wein.
Stattdessen schob er den Daumen unter den Gewehrriemen und horchte; die Geräusche des Hundes hatten sich verloren, bestimmt hockte er schon vor der Haustür.
Er wollte genauso abseits der Wege nach unten, beeilte sich besser, bevor er gar nichts mehr sah. Die Abhänge waren steil, er musste aufpassen, wo er hintrat. Es knackte und quatschte bei jedem Schritt, und die Weinstöcke bildeten ein enges Spalier.

Der fehlende Hund und die offene Haustür überraschten ihn dann so wenig wie seine Schwester, die mit einem Papierstapel auf dem Schoß in seinem Ohrensessel saß. Während sie kaum das Kinn hob, lief ihm der Hund entgegen.
Er streifte das Gewehr ab und knöpfte die Jagdweste auf, beides war heute Tarnung gewesen. Das Wochenende ging zu Ende, und zum Abend hin war es ihm nicht mehr möglich, Gedanken an die Arbeit weiter von sich zu schieben. Zumal sich so gut wie alles damit in Zusammenhang bringen ließ, etwa der Papierstapel seiner Schwester.
Seine Magenwände meldeten sich nicht zum ersten Mal, der kleine heiße Blitz im Brustraum war neu. Kaum hatte er beschlossen, morgen eine frühere Schnellbahn zu nehmen, musste er sich krümmen und dann herausfinden, ob sie etwas bemerkt hatte; hatte sie nicht, sie hätte sonst kaum gefragt, ob er sich mit dem Orban getroffen habe? In dem Ton, in dem sie anderen gerne Verfehlungen unterstellte.
Er überlegte, sagte dann: „Wenn du es eh weißt“, und trug das Gewehr durchs Wohnzimmer, um am Waffenschrank auf ihre Frage, ob der Orban nach der langen Zeit in England englisch ausschaue, zu sagen: „Wenn du mir sagst, wie englisch Ausschauen ausschaut?“, und das Gewehr an seinen Platz neben der alten Repetierbüchse seines Vaters zu stellen. Er hatte den Schlüssel stecken lassen, das war ihm noch nie passiert. Während er über eine Antwort auf ihre Frage nachdachte, ob der Orban eine Frau oder so habe, tat er, als mache der Schlüssel Probleme. In Wahrheit machte ihn wahnsinnig, wie sie jeden Namen immer mit Artikel versah. Womit sie rechnete, weswegen er seinen Ärger schluckte und nur sagte: „Das wüssten wir doch längst“, den Schlüssel zweimal drehte und ihn abzog, um ihn zwischen die Fernbedienungen in der Schuhschachtel im Regal über dem Fernseher zu legen.
Nachdem seine Schwester zu der Einsicht gelangt war, dass im Fall einer Frau wohl tatsächlich der ganze Ort Bescheid wüsste, erkundigte sie sich, ob der Orban nach ihr gefragt habe, und erinnerte sich, während ihr Bruder weiter Ziergegenstände zurechtrückte, als hätte er die Frage nicht gehört, bereits wieder laut, den Orban immer schon herzig gefunden zu haben. Ob er glaube, dass sie ihn jetzt wieder herzig finden werde? „Mit vierzig findet man niemanden mehr herzig“, sagte ihr Bruder und beförderte eine staubige Plastikfigur – schwarzer Comicaugenvogel mit Eierschalenhut – vom Regal in die Hosentasche, unbemerkt, wie er hoffte.

Seine Schwester studierte nun schon bald fünfzehn Jahre Kulturanthropologie, erst unlängst war der alte Professor gestorben, der ihre Abschlussarbeit hätte betreuen sollen. Ihr unwesentlich jüngerer Freund war Kletterer und Tourengeher, die Sorte ohne Körperfett, die ihm besonders zuwider war.
Als die alte Ansitzleiter unter ihrem Vater nachgegeben hatte, war sie beruflich in Bhutan gewesen und hatte dadurch auch noch das Begräbnis versäumt. Der Vater hatte nie verstanden, warum sie so weit weg sein wollte, daheim ist es doch schön. Sie konnte mit Internet und Telefon von überall Reisen vorbereiten und deswegen bei der Mutter bleiben, schlief wieder in ihrem alten Zimmer und erledigte dort auch den Großteil ihrer Arbeit für das Reisebüro ihres Freundes.
Sie war auf einen Monat Auszeit eingestellt gewesen, jetzt war der sechste bald vorbei. Da die Mutter aber nach wie vor krank vor Kummer war, überließ sie ihre Reiseleitungen weiter den Kollegen und kam zum Ausdrucken zu ihm. Sie musste nur über die Straße, ihr Bruder wohnte in dem umgebauten Gehöft gegenüber ihres Elternhauses.

Jetzt riss sie statt etwas zu sagen den Papierstapel hoch und ließ die Blätter zittern. Um dann in Richtung Home Office zu schauen, anklagend, er kannte den Blick, bemerkte die Knicke und das fehlerhafte Druckbild und hörte sich wider jede Vernunft sagen: „Ist es mein Papierstau oder deiner?“, worauf sie den Stapel auf den Wohnzimmertisch warf.
Danach wurde es laut und bald auch windig, weil der Hund den Kopf so schnell zwischen Schwester und Bruder hin und her bewegte, dass ihm die Ohren um die Augen flogen. Der Bruder wich vor dem Gegenstand zurück, den die Schwester um die Fingerspitze kreisen ließ. Ihre Schlüssel zu seinem Gehöft, die erst zum Stillstand kamen, als ihr Telefon losging und sie es hochriss, dabei die Beine so weit von sich streckte, dass er seine Knie vor ihren Trekkingschuhen in Sicherheit bringen musste, worauf sie sich aus seinem Ohrensessel schwang, das Telefon am Gesicht, und ein paar Blicke und Handzeichen später draußen war.
Türen waren ihr liebstes Ausdrucksmittel, auch wenn es um den Drucker ging. Meistens drehte es sich darum, dass er den Toner aus der Stadt mitbrachte und dann das Geld von ihr verlangte, da sie mindestens einmal am Tag bei ihm druckte, während er so gut wie nie etwas druckte. Einmal hatte er zu ihr gesagt, er hebe die Tonerrechnungen nicht auf, weil ihm kein Finanzamt abkaufe, dass er im letzten halben Jahr zwanzigmal mehr gedruckt habe als in den zwanzig Jahren davor. Darauf hatte sie verlangt, dass er ihr eine Rechnung schreibe, weil der Zwinger dem Reisebüro den Toner in dem Fall ja verkaufe. Worauf er gesagt hatte, dass er ohne den Beleg aber eine zu versteuernde Einnahme habe, worauf sie gesagt hatte, das sei nicht ihr Problem, wenn er Geld wolle, hätte er den Beleg nicht wegschmeißen dürfen, solle sich das jetzt bitte mit dem Anselm ausmachen. Bis heute büßte er, nicht gesagt zu haben: „Wie komme ich dazu, mich mit dem Anselm herumzuschlagen?“, sondern gesagt zu haben: „Wie komme ich dazu, mich mit deinem Reisebüroheini herumzuschlagen?“

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© Bettina Gärtner, 2017

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