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Susanne Gregor: Territorien.

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Roman.
Graz - Wien: Literaturverlag Droschl, 2015.
210 S.; geb.; Euro[A] 19,60.
ISBN: 978-3-85420-966-9.

Autorin

Leseprobe

Eines Nachts zerreißt ein Telefonanruf aus Nicaragua das – trotz allem – glückliche Leben von Emma und Samuel. Der plötzliche Tod seines Vaters spült die beiden in eine für die Frau fremde Welt, in der sie sich nicht zurechtfindet. Auf der Reise nach Managua verliert Emma ein wichtiges Buch für ihre Dissertation. Udo, ihr Dissertationsvater, der ihr den Job auf der Fakultät für Kommunikationswissenschaft in Wien verschafft hat, wird enttäuscht von ihr sein. Von ihr, die doch immer alles richtig gemacht hat und machen will. Und dann das. Alles hatte sie in sicheren Händen, jetzt soll sie loslassen und sich einlassen auf üppige Speisen, permanenten Familienrummel und ein kleines Zimmerchen in Martas Haus, dem Haus seiner Mutter, die das Zepter über allem - auch über ihrem Sohn - fest in Händen hält.
Nach der Beerdigung vergeht ein Tag nach dem anderen, es ist heiß, die Regenzeit noch weit weg, der Garten mit seinen Früchten und das Meer sind paradiesisch, doch es schleicht sich Kälte ein ins Eheleben. Samuel und seine Schwester Celia haben die Möbelproduktionsfirma des Vaters geerbt, die noch in den Kinderfüßen steckt. Der junge Mann wittert seine Chance. Und je mehr er sich auf sie einlässt, desto klarer wird Emma, dass ihr gemeinsames Leben in Wien, das ihr zuletzt noch so rosig erschien, bereits ein breiter Graben trennte, ein tiefes Loch zwischen Österreich und Nicaragua. Im Grunde genommen ist es nun einfach sie, die auf einen guten Job und Ansehen verzichten muss – so wie er zuvor in Wien.

Susanne Gregors Sprache ist ein metaphernreicher, emotionsgeladener Fluss innerer Gedankenräusche, durchsetzt von spitz aufragenden Dialog-Gesteinsbrocken. Und doch bleiben die Charaktere in einem Nebel verhaftet und fern, sind einsam und für sich. So wie Ina in Susanne Gregors Erstling „Kein eigener Ort“, die zwischen Verliebtheit, Nicht-Dazugehören und einer sinnlich-schaurigen Melancholie schwankt und ebenfalls nicht bei sich ankommt.
Susanne Gregor, 1981 in der Slowakei geboren und mit neun Jahren mit ihren Eltern nach Oberösterreich ausgewandert, legt mit ihrem zweiten Roman die diffizile Geschichte einer auf Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen basierenden binationalen Ehe vor. Gekonnt und intelligent zeigt sie auf, wie sich ihre ProtagonistInnen auf ihrem dünnen Seil der Liebe zu halten versuchen, doch die Angst vor dem Fall bugsiert beide innerlich in Richtung Heimathafen, in dem es keinen gleichwertigen und würdigen Platz für den anderen zu geben scheint. Die Strukturen um sie herum sind zu verhärtet und sie selbst noch zu jung, beruflich und finanziell zu wenig gefestigt, als dass sie ihre eigenen Zukunftsszenarien für den anderen über Bord werfen könnten. Sogar oder gerade weil sie ein Kind erwarten.

Emma wird von ihren Verwandten in Managua verwöhnt und verhätschelt, muss im Gegenzug aber lernen, die Landesspeisen zuzubereiten, Heimchen am Herd zu werden, auf ihren Mann zu warten, den ganzen Tag, und ihr Leben als angehende Wissenschaftlerin zu opfern, um zu bleiben. Er habe es doch nur ihretwegen so lange in Wien ausgehalten, jetzt möge sie doch dasselbe für ihn tun. Sie versucht es wochenlang, kann aber nicht ankommen, flüstert ihre Schreie nachts einem nun beleidigt-verhärmten Samuel ins Ohr, der nicht verstehen will, was ihr denn abgeht. Nun ist es endlich er, der es zu etwas bringt, dessen Firma schon Gewinne macht, der angesehen wird und ist. Er ist nicht mehr der verzagte, dürre, einsam-gebückte Fremde, den man als Aushilfsjungen an der Uni Wien Kopien machen schickt, obwohl er die gleiche Ausbildung hat wie seine Chefin – die übrigens Emmas beste Freundin ist.
Er fühlt sich befreit von den kalten Wintern, den kühlen Menschen, der himmellosen Stadt. Samuel blüht auf, während sie verwelkt, sich aus reinem Zorn und hilflosen Rachegefühlen einem Verwandten an den Mund wirft. Glück verspürt sie erst bei den Worten eines Arztes in deutscher Sprache, der sie aber natürlich von ihrem Hass und schlechten Gewissen auch nicht befreien kann. Wer hier als Frau geschieden ist, hört sie, bleibt allein, so wie Celia. Mit letzter Kraft flüchtet sie zurück nach Wien, wo in ihrer Wohnung schon andere leben, wo ihren Job schon eine andere hat, wo ihre Freundin nur den Kopf schüttelt und ihre Eltern ihr Vorwürfe machen. Ihr Kind strampelt im Bauch und sie wird sich vom Sofa erheben müssen.
Eine junge Frau wird erwachsen werden. Wünschen wir ihr Glück!

Claudia Peer
30. September 2015

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben  nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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