Marstheater im U-Boot-Bunker: Kresnik inszeniert "Die letzten Tage der Menschheit"
Johann Kresnik, der Kärntner Tanztheater-"Kraftlackl", dessen schwarze Österreich-Collage "Wiener Blut" zur Zeit am Wiener Burgtheater zu sehen ist, hat nun in einem Bremer U-Boot-Bunker das Lesedrama "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus als großes Spektakel inszeniert. Premiere war am 3. Juni 1999.

Karl Kraus muß wohl selbst an der Aufführbarkeit seines monumentalen Welttheaters "Die letzten Tage der Menschheit", entstanden zwischen 1915 und 1919, gezweifelt haben. In seinem kurzen Vorwort merkte er an: "Die Aufführung des Dramas, des Umfang nach irdischen Zeitmaß etwa zehn Abende umfassen würde, ist einem Marstheater zugedacht. Theatergänger dieser Welt vermöchten ihm nicht standzuhalten." In der Tat wagte sich kaum ein Theatermacher an dieses epochale Drama, das mit Techniken der Montage, des Kommentars und satirischen Seitenhieben versuchte, Wesen und Wirklichkeit des Ersten Weltkrieges einzufangen.

Johann Kresnik, der sich in all seinen bisherigen Arbeiten brachial und bildergewaltig mit verdrängter Vergangenheit auseinandergesetzt hat, hat für seine Inszenierung einen spektakulären und ausdrucksstarken Ort gefunden. In Bremen, an der Wesel, liegt ein monströser U-Boot-Bunker, 450 Meter lang, 75 Meter breit, der vom Herbst ab 1943 konstruiert, aber nie in Betrieb genommen wurde. Kurz vor der Fertigstellung riß eine Bombe der Alliierten ein Loch in die Decke. Kresnik läßt dort 39 Szenen aus dem als Lesedrama konzipierten "Die letzten Tage der Menschheit" spielen.

Er schlägt in seiner zweistündigen Szenen-Collage über den Krieg Brücken zur NS-Zeit - bis zu 12.000 Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge wurden für den Bau des Bunkers täglich eingesetzt. Während der Schiffsreise zum Spielort wird Dokumentarfilmmaterial darüber gezeigt. Im Bunker selbst läßt Kresnik den Abend als lautstarkes Kriegsspektakel beginnen, grell und laut, überrascht in der zweiten Hälfte des Abends jedoch auch mit ruhigeren Tönen und Einzelfiguren, die sich aus der Gruppe herausschälen. Unaufdringlich aber unausweichlich stellen sich auch (textliche) Assoziationen zum jetzigen Balkankrieg her, so der Tenor einiger Kritiken. Manchen kam jedoch der Text ein wenig zu kurz.

Christoph Köster schwärmt in der "tageszeitung" vom 5. Juni 1999 von "großartigen Theaterszenen", von einer Revue, die "schlicht sehenswert" ist, obwohl Kresnik in seinen "Schreckenserzeugungsversuchen" seiner Zeit - etwa den Performances der katalanischen Truppe "La Fura dels Baus" - hinterherhinke. Lesen Sie dazu ausführlicher in den folgenden Pressestimmen:

Ralph Hammerthaler in der "Süddeutschen Zeitung" vom 5. Juni 1999

"Es wird geschossen und geballert, aus Feuerwaffen und Lautsprechern, und es gibt Todesschützen, die nach einem Treffer laut und lustig 'bumsti' schreien, fallera. Einer zeichnet Kreidestriche auf den Boden, für jedes Opfer einen, ein anderer zählt mit den Fingern, fünft Sträflinge, hat er abgeknallt, sie sind nacheinander zu Boden gesackt."

Hartmut Lück in der "Frankfurter Rundschau" vom 5. Juni 1999

"Ein 'Längsschiff' des Bunkers wurde dafür hergerichtet und durch Bretterbelag begehbar gemacht - die Räumlichkeit wurde dadurch etwas erträglicher für die zweistündige, pausenlose Darbietung, denn im Bunker herrschen Temperaturen zwischen 2 und 10 Grad Celsius und eine Luftfeuchtigkeiten von bis zu 96 Prozent. [...]
Kresnik stellte bei seiner Auswahl die Kriegs-Ideologie, die Tötungsbereitschaft als 'Normalfall', die alltägliche und auch journalistische Begeisterung über das 'reinigende Stahlbad des Krieges' in den Mittelpunkt.

Gottfried Krieger in den "Salzburger Nachrichten" vom 5. Juni 1999

"Plötzlich stellen sich auch textliche Bezüge zum aktuellen Krieg um den Kosovo her: 'Will der Feind den Frieden nicht, müssen wir der Welt den Frieden bringen.' Bewußt oder unbedwußt, eines erreicht die Inszenierung unbedingt: sie führt die Schwierigkeiten vor Augen, Stellung zu beziehen. Das Publikum wird zur Masse, die gierig nach neuen Sensationen Ausschau hält, die die Scheinwerfer aus den dunklen Raumecken holen."

Hans Haider in der "Presse" vom 5. Juni 1999

"Im Original wickeln der Optimist und der Nörgler (das Kraus-Alter-Ego) den Roten Faden der Kriegsgeschichte ab. In Bremen ist diese zentrale dialektische Wechselrede gestrichen. Nur mehr die simple Action zählt. Hauptfigur, Führerin durch die Endzeit ist die in den Zweiten Weltkrieg gerutschte Kriegsberichterstatterin Alice Schalek; nachgespielt werden Verbrechen gegen die Menschlichkeit sowie deren ideologische Verteidigung durch die christlichen Kirchen [...] und die Heerespropaganda.





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